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Alltag, Mutterboden aller Feste

Um was es in der Geschichte eines „Ausnahmezustandes“ geht, die besser den Titel „vom barmherzigen Vater“ trüge als den „vom verlorenen Sohn“ ist klar: Es geht um Barmherzigkeit als Basis für einen Neustart. Die Akteure sind auch bekannt: der Vater und seine zwei ungleichen Söhne. Gefühle werden benannt wie: Heimat haben und in der Fremde sein, vernachlässigt und beschenkt, wütend und glücklich sein sowie Treue und Scheitern. Die allegorische Bedeutung ist auch klar: Es geht bei der Barmherzigkeit des Familienvaters letztlich um jene Gottes. Aber damit ist der Erzählwert dieser Begebenheit noch längst nicht ausgereizt, betrachten wir deren Standardsituationen genauer: das Fest und den Alltag. Beide finden gleichzeitig statt. Der treue Sohn ist auf dem Feld und tut was er immer tut: Alltag. Gleichzeitig kommt unerwartet sein Bruder, der verlorengegangen war, zurück, und der gemeinsame Vater macht für ihn den Alltag zum Fest.

Dieses Fest, wie jedes andere auch, ist nicht unendlich: Es mündet nach wenigen Stunden wieder in den Alltag. Das Fest wird aber nicht zum Alltag, sondern der Alltag bleibt einfach, was er auch während des Festes ist: Alltag, aber mit „Ausnahmen“. Das Fest betrachtet der eine Bruder als Bevorzugung. Neidvoll wendet er sich klagend an den Vater: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ (Lk 15,29f )

Doch was geschah nach dem Fest? Es ist anzunehmen, dass die beiden alltäglich das Vieh gehütet und so dem Vater gedient haben. Nur der eine mit dem Gefühl, vernachlässigt worden zu sein, und der andere mit dem Gefühl, beschenkt worden zu sein. Trotzdem, der ganz normale Alltag ist derselbe wie vor dem Fest, nur um die unterschiedliche Erinnerung an das Fest „reicher“. Was ist Ihnen lieber, der Alltag oder seine Auszeichnung, das Fest? Das Fest ist nicht der Gegensatz zum Alltag, sondern der „Adel“ des Alltäglichen, da einem etwas Besonderes wiederfährt, geschenkt oder eröffnet wird. Der Alltag ist die Erfahrungsebene des Besonderen, das den Alltag zum Fest werden lässt.

Das Fest ist nicht der Urlaub vom Alltag, sondern dessen Krone. Das Fest ist der Anker des Alltäglichen. In unserem Gleichnis war dem einen ein Geschenk im Alltag das Fest, dem Anderen war das Fest die Missachtung des Alltags. Wir klagen über das sich immer Wiederholende, die Routine… Aber sie ist doch der Mutterboden aller Feste, die dient, den Alltag zu bewältigen.

Erschienen  in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 5./6. März 2016
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Ein Kommentar

  1. Geschwind Annegret
    Am 10. April 2016 um 08:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Lieber Herr Stender,
    sehr guter Artikel! Auf den Punkt gebracht!
    In diesem Sinne,werde ich mich gleich in Richtung des Marienhospitals begeben und die Kommunion im Krankenhaus verteilen.
    Einen schönen Sonntag
    wünscht Ihnen
    Annegret Geschwind

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