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Selig. Wie geht das denn?

Clara Fey wird am 5. Mai seliggesprochen. Was die Kirche sich dabei denkt, ob Selige Wunder nötig haben und wie mutig die Aachener Ordensfrau war, das erläutert Christoph Stender, Geistlicher Rektor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, im Gespräch mit Peter Pappert.

Braucht die Welt Selige oder Heilige?
Stender: Nein, die braucht sie nicht; aber sie hat sie. Das ist ein Unterschied. Denken Sie beispielsweise an den „Sportler des Jahres“. Den braucht man auch nicht. Er wird wegen seiner sportlichen Kompetenz, seiner Persönlichkeit, seiner Gesellschaftsfähigkeit oder auch wegen einer gewissen intellektuellen Reflexionsfähigkeit ausgezeichnet. Bei der Seligsprechung heißt die Disziplin: Leben im Glauben. Wir gönnen uns Vorbilder, die in ihren Biografien exemplarisch „Sportler des Jahres“ gewesen sind.

Wer ist selig?
Stender: Ein Mensch, der schon während seines Lebens oder nach seinem Tod von Anderen zum Vorbild genommen und als verehrungswürdig erachtet wird. Das ist die Voraussetzung für eine Seligsprechung: Eine Frau oder ein Mann wird aus dem Volk heraus verehrt. Denken Sie an Mutter Teresa von Kalkutta (1910-1997): Da war zu spüren, dass jemand mit einer starken Beziehung zu Gott und erkennbarer Kompetenz den Glauben lebt.

Wer entscheidet, ob jemand selig gesprochen wird?
Stender: Die Gemeinschaft der Glaubenden. Jedem Seligsprechungsprozess voraus geht die Verehrung durch das Volk; ohne diese Verehrung tut sich gar nichts. Ganz exemplarisch sieht man das bei Johannes Paul II. (1920-2005) und den Rufen „Santo subito!“ direkt nach seinem Tod. Die Kirche greift das auf und befasst sich mit dem Leben und Wirken dieser Persönlichkeit. Die Verehrungswürdigkeit wird schon vorausgesetzt.

Aber irgendjemand muss dann zu einem Ergebnis kommen und entscheiden.
Stender: Ja, aber die Bewegung vom Volk her ist schon wichtig. Formal entscheidet die vatikanische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung. Im Grunde bestätigt sie aber nur, was die Gemeinschaft der Gläubigen schon vorher getan hat.

Was ist der Unterschied zwischen Seligsprechung und Heiligsprechung?
Stender: Selig bedeutet, dass jemand in einer bestimmten überschaubaren Region verehrt wird. Heilige stehen für die ganze Weltkirche.

Ist heilig mehr als selig?
Stender: Für mich nicht. Ich kann Selige oder Heilige doch nicht gegeneinander aufwiegen. Ich will diese Unterscheidung gar nicht machen. Ist denn der Heilige Franziskus mehr Vorbild als Clara Fey? Was sollte das? Entscheidend ist, ob eine Person ihren Glauben authentisch gelebt und etwas bewegt hat – und Andere bewegt hat.

Wird in der Regel jeder Selige auch heiliggesprochen?
Stender: Nein.

Was bezweckt die Kirche damit, dass sie Menschen selig- oder heiligspricht?
Stender: Sie will deutlich machen, dass ein Mensch – zum Beispiel in einer prekären Situation oder gar in einem Martyrium – zum Glauben gestanden hat. Eine Person hat in einer bestimmten sozialen Notlage aus seinem Glauben heraus gehandelt. Jemanden seligzusprechen, tun wir für uns – nicht für den Lieben Gott.

Es geht um Vorbilder im Glauben.
Stender: Ja, aber Vorbild kombiniert mit gelungenem Glaubensleben. Das ist es.

Kann man diesen Zweck nicht auch ohne Seligsprechung erreichen?
Stender: Es gibt Menschen, die gut und überzeugend aus ihrem Glauben heraus gelebt haben und nie für einen Seligsprechungsverfahren infrage gekommen sind. Es gibt Menschen außerhalb der Kirche, die ein wunderbares christliches Leben führen.

Eben. Deshalb stellt sich die Frage: Ist die Seligsprechung von Clara Fey nötig?
Stender: Nein, sie wendet keine Not; sie ist nicht notwendig. Aber sie ist eineMotivation, eine Ermutigung. Die Seligsprechung ist eine Form des Dankens – aus der Perspektive der „Schwestern vom armen Kinde Jesus“ Dank dafür, dass sie eine Person hatten, der sie folgen konnten und dadurch eine Lebensqualität gewonnen haben, die sie glücklich macht. Die Seligsprechung ist kein Selbstzweck, sie ist nicht nötig, aber sie hat Ausstrahlung.

Aber Wunder sind nötig?
Stender: Nein – ein Wunder ist nicht in jedem Fall dringend notwendig.

Was heißt denn Wunder?
Stender: Wunder heißt, dass ein Mensch aus einer nicht definierten Kraft heraus eine Veränderung bewirkt, die wir nicht ohne weiteres erklären können. In diesem Fall hat sich eine Person in die Gebetstradition von Clara Fey gestellt und dabei eine Heilung erfahren.

Wirklich?
Stender: Ja, man muss und kann das ganz nüchtern sehen. Ernstzunehmende Ärzte sagen, sie wüssten nicht, wie die Heilung dieser Person medizinisch zu erklären ist.

Dieses Wunder ist für Sie überzeugend?
Stender: Ja. Ich kenne die Einzelheiten nicht. Aber in den Akten zur Seligsprechung ist das dokumentiert.

Sind diese Akten zugänglich?
Stender: Nein. Solche Akten stehen der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht zur Verfügung, um die Betreffenden vor zu viel Neugier der Öffentlichkeit zu beschützen.

Hat Clara Fey Wunder nötig?
Stender: Nein.

Wer versteht die Sache mit den Wundern heute? Wer nimmt zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine derartige Grundlegung von Seligsprechungen noch ernst?
Stender: Alle diejenigen, die darauf vertrauen, dass es über die menschliche Machbarkeit hinaus eine Dimension in dieser Welt gibt, die Wirkfähigkeit hat.

Muss denn jeder, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod glaubt, auch an Wunder glauben? Ein verkrampft wirkendes Suchen nach Wundern, die einer seligzusprechenden Person zugeschrieben werden sollen, könnte auch irritieren und Skepsis hervorrufen.
Stender: Ja – durchaus. Das kann sein. Man kann daran zweifeln. Ich glaube, dass aus der Glaubenskraft Wunder möglich sind. Das Wunder steht aber für diejenigen, die sich darüber freuen, dass Clara Fey seliggesprochen wird, nicht im Vordergrund. Das Wunder ist nicht mehr das einzige ausschlaggebende Kriterium, auch wenn es nach wie vor dominante Funktion hat. Das Ganze hat zudem einen biblischen Hintergrund. Jesu Auftrag lautet: „Geht in die Welt und heilt die Menschen! Tut Wunder!“ Sind nur die Heiligen und Seligenwunderfähig? Nein, jeder ist es, der sich intensiv auf Gott bezieht und aus diesem Glauben lebt. Das sollte man nicht auf etwas medizinisch Nachweisbares reduzieren.

Würde es reichen, wenn der Vatikan Clara Fey seligsprechen würde „nur“ als Anerkennung ihrer Person und ihres Wirkens, als christliches Vorbild – mit der Begründung, sie habe der christlichen Botschaft neue inspirierende Kraft verliehen?
Stender: Aus meiner Perspektive würde das reichen. Die Tatsache, dass Clara Fey auf verschiedenen Kontinenten so viele Menschen bewegt hat, ist nicht auf ein Wunder zurückzuführen. Die vielen Frauen und Männer, die sich an Clara Fey ein Beispiel genommen haben, haben von einem Wunder nichts gewusst. Das Wunder ist keine zwingende Voraussetzung für eine Seligsprechung.

Könnte es sein, dass jene, die das soziale und fortschrittliche Wirken von Clara Fey schätzen, vomkirchlichen und liturgischen Aufwand irritiert werden oder dessentwegen sogar keinen Zugang dazu finden?
Stender: Wenn ich das Wunder ständig in den Vordergrund schiebe, wenn ich Clara nur durch das Wunder verstehen könnte, würde ich vielen Menschen den Zugang versperren – ganz sicher. Es geht um die Beziehung des Menschen zu Gott. Wir glauben, dass Gott auch durch Menschen spricht. Insofern ist das Wunder eine besondere Art des menschlichen Sprechens. Noch einmal: Wir können bei Clara das Wunder außer Betracht lassen. Wichtig ist, dass man sich mit der Person, ihrer sozialen Kompetenz und ihrem Einsatz für Bedürftige auseinandersetzt. Was hat sie gemacht? Sie hat hingeguckt. Sie hat soziale Missstände wahrgenommen und sich gefragt, was sie dagegen tun kann. Sie hat doch nicht an Wunder oder Seligkeit gedacht. Wir dürfen sie nicht auf das Wunder reduzieren; das tut auch die Kirche nicht.

Was ist für Sie das Besondere an Clara Fey?
Stender: Sie hat ganz eindeutig gesagt: Gesellschaft, Du hast einen Schatz; und dieser Schatz ist das Kind. Sie hat sich in einer Frage engagiert, die deshalb unendlich traurig macht, weil sie in unserer Zeit immer noch so relevant ist: Betrachtet unsere Gesellschaft das Kind nur aufgrund der Tatsache, dass es da ist, als seinen größten Schatz? Als Clara Fey sozial aktiv wurde, waren 80 Prozent der Fabrikarbeiter Kinder. Sie war keine Politikerin, sondern handelte sozial – allerdings mit politischen Konsequenzen. Sie hat die Stadtväter vor die Frage gestellt, warum sie sich nicht um die Kinder kümmern.

Wie viel Mut gehörte damals dazu, so entschieden zu handeln?
Stender: Sehr viel. Das unterschätzen wir wahrscheinlich. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte eine Frau kaum eine Möglichkeit, sich sozial zu engagieren; es sei denn in einer Ordensgemeinschaft. Die Aachener standen auch nicht am Straßenrand und haben applaudiert, weil Clara Fey mit armen Kindern an der Hand vorbei kam. So war es nun wirklich nicht. Sie hat die sozialen Missstände wahrgenommen und dabei ihre neue Lebensformgefunden. Sie hat sich prägen lassen von der Notwendigkeit, etwas zu verändern.

Konnte sie das selbst so einfach für sich entscheiden?
Stender: Nein, so einfach sicher nicht. Sie und ihre Mitbegründerinnen der Kongregation wollten ihr Leben in den Dienst der Kinder stellen und sich eine klare Struktur geben. Clara fand schnell Frauen, die sie begeisterte und die mitmachen wollten. Ihr Bruder und Priester haben ihr geholfen, und sie ist bis zur Kaiserin nach Berlin vorgedrungen, um die Kongregation gründen zu können. Ökonomisch stand das alles auf wackligen Füßen.

Quelle: Aachener Zeitung, 28. April 2018
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