Christoph Stender

:: lass doch wachsen,
werde und liebe, wer du bist

Literatur aus zehn Lebensjahren

Autorenlesung im Kulturcafé in der KHG Salzburg anläßlich der Salzburger Hochschulwochen

Die Salzburger Hochschulwochen luden vom 30. Juli bis zum 5. August 2001 Studierende aus Europa nach Salzburg ein, den dialogischen Austausch der Theologie mit anderen Disziplinen der Wissenschaft zu fördern, um so nach Perspektiven einer Lebensqualität in einer sich stets beschleunigenden Zeit Ausschau zu halten.

Mir ist so kirschlich
(Neufassung Juli 2001)
Ausgeflippt, extravagant, schräg und schrill das Normale in unserer Gesellschaft zu irritieren ist normal. Eine viel zärtlichere Provokation wäre es, mit zwei Kirschen am Ohr, prall und rot, durch die Straßen zu gehen, seinen Platz im Büro einzunehmen oder die Kollegen am Fließband zu begrüßen. Zwei Kirschen würden ausreichen Kindheitserinnerungen zu wecken, ein Lächeln auf das Gesicht eines Menschen zu zaubern oder einfach das Gefühl zu wecken, das es unserer Gesellschaft gut täte ganz normal etwas anders zu sein.
Ich bin ein Kriegskind Wir können sie nicht abschütteln, unsere Geschichte! Bleibt uns nur, ihr wirklich begegnen zu wollen! Wenn wir ihr so entgegengehen, werden wir begreifen, dass sie uns schon längst eingeholt hat. Einen anderen Weg mit unserer Geschichte zu leben gibt es nicht, er wäre dann kein Weg. Aber wir können nur auf dem Weg sein um zu leben, anders kommen wir nicht weiter, es sei denn, wir hätten den letzten Weg auf dieser Welt schon hinter uns!
Nachtgebet des Kräftigen Die Kraft eines Menschen wird oft an harten Fakten gemessen, starken Muskeln, gestähltem Körper mit Waschbrettbauch, kräftiger Brust und ausdauerndem Bizeps. Es gibt aber Kraft, die einen viel längeren Atem hat als gestraffte Haut. Mit ihr kannst Du auch wirklich alt werden. Denn diese Kraft kann keine Falte daran hindern, auch weiter liebenswürdig, voller Schaffenskraft, mit lebendigen Ideen, empfindsamer Haut und tänzelnd in Bewegung zu sein. Das ist ihre Stärke.
Ein umgemünztes Gebet Der sogenannten "Wirklichkeit" täte es manchmal gut, die Vorzeichen, die festlegen wie wir sie zu beurteilen haben, umzukehren, damit Wirklichkeit mehr ist als Sichtweise. Ist ein Bettler immer arm, eine Wohlhabende immer reich, ein Angesehener immer auch Menschenfreund und ein Kind zwangsläufig nicht groß? Veränderte Vorzeichen irritieren die Wahrnehmung des Menschen, können aber so unserer "Wirklichkeit" mehr Wahrheit abringen.
Mitten am Tag –
Angst vor dieser Nacht
Kindheitserinnerungen sind hineingewoben in den Stoff aus dem die Träume der Nacht gemacht sind. Kindheitserinnerungen können aber auch der Stoff sein, der die Angst der Kindertage nicht vergessen macht, und die so den Tagträumen ihre Verzweiflung einbrennt. Kindheitserinnerungen bleiben lebenslänglich kräftig, und mit ihnen jene Menschen, die sie hervorbrachten, die Kräftigen, auch wenn sie in der Erinnerung einer Kindheit zu schwach waren.
Lass das Kind nicht fallen Wir haben uns mindestens einen Weg in Leben nicht ausgesucht, aber müssen ihn trotzdem gehen, den Weg der Veränderung, den Weg, kein Kind bleiben zu können. Er ist oft schmerzlicher für die, die uns wollten, als für uns selbst, die niemand nach diesem Weg gefragt hat! Wie auch?
Ich habe Interesse Sich einem Menschen anzunähern, durch ein Ereignis, eine Begegnung oder eine Gegebenheit, kommt nicht der Bitte gleich, vereinnahmt zu werden, sondern will Annäherung bleiben! Annäherung bittet auch nicht darum, noch etwas Zeit gewährt zu bekommen, bevor sie dann umarmt wird. Annäherung bittet darum selbst entscheiden zu können. Nein, Annäherung bittet auch nicht wirklich, Annäherung umarmt oder geht!
Zurück-gelassen
für die Zukunft
Es ist das Autogramm des Lieblingsstars, der kleine Knochenrest eines Heiligen, oder eine gepresste Rose, die greifbare Erinnerungen an einen liebenden Menschen, das Bild der Oma die Mutter war, der Lottoschein der Erbtante, oder einfach nur die Erinnerung an einen Menschen, der im Großen oder im Kleinen etwas großartiges geschafft hat. Diesen verschiedenen Andenken ist eines gemeinsam, es sind Reliquien. Reliquien können das Fundament einer menschenwürdigen Zukunft sein!
Du bist dazwischen Der gläubige Mensch sucht seinen Gott oft im Kontext seiner elementaren Sehnsucht, die mit den Begriffen Sicherheit, Freiheit, Liebe, und Wandlung einher gehen! Gott ist aber nicht im "Da ist er" zu haben. Gott ist "da-zwischen" nur zu ahnen, zwischen unserer Sehnsucht nach Sicherheit, Freiheit, Liebe, und Wandlung . Das scheint vielen Menschen zu wenig! Doch in diesem Dazwischen findet sich einzig der Reichtum, dem wir den Namen Gott gegeben haben.
Diese Freiheit kann mich ... Freiheit zählt zu den wertvollsten Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft. Doch was kann daraus werden, wenn der Mensch die Freiheit zur verkäuflichsten Nebensache der Welt macht!
Ein Advent,
ohne mildernde Umstände
Sehnsucht und ihre "Konsequenzen" in einer Urteilsbegründung. Oder: Von der Grenze der Sehnsucht in unserer Gesellschaft.
Tod, mein Gesicht
will ich dir geben
Wer eine verzweifelte und so gescheiterte Liebe erleben musste und "durfte", dem ist der Wunsch nicht fremd: Tod, mein Gesicht will ich dir geben! Doch tot sein wollen, nimmt jeder Liebe sein Gesicht. Unser Gesicht ist geschaffen von der Liebe gestreichelt zu werden, so kann es nicht anders, als geduldig sein Gesicht zu zeigen, ein Gesicht streicheln zu wollen.
Ruhig atmen Arm ist, wer keinen Menschen hat, bei dem er ruhig atmen kann. Einem Du seinen Atem anvertrauen bedeutet, Grenzen zuzulassen, Ich sein zu dürfen, Haut hinzuhalten, verletzbar zu sein, sich zu überlassen ohne auch nur eine Sekunde glauben zu müssen in Gefahr zu sein! Solch ein Mensch ist das Geschenk ruhig atmen zu dürfen.
In meinem Nacken Worte des Trostes haben oft zuwenig Leuchtkraft, um einen Menschen in seiner Dunkelheit zu erreichen. Das Licht der Sprache des Tröstenden leuchtet im Schweigen einer zärtlichen Berührung.
Freunde, ihr habt
nichts verstanden
Eine zerbrochene Beziehung ruft gutmeinende Menschen auf den Plan, mit so allerlei folgerichtigen Tipps auf den Lippen! Solche Ratschläge sind meist logisch. Logik jedoch zwingt so manches Gefühle in diese Isolation, mit seiner Sprache des Herzens endlich doch allein zu bleiben.
Und wenn ich's tät Der gute Rat, einen enttäuschenden Menschen doch einfach zu vergessen, ist oft der Unrat einer alles verstehenden Kultur menschlicher Hilflosigkeit.
Höre meinen Gruß,
Mutter des Lebens
Ein altes und somit vertrautes Wort, gewinnt seinen ursprüngliche Kraft oft erst dann wieder, wenn es eintaucht in ein befremdendes und somit neu zu erschließendes Wort.
Zwölf Todesanzeigen –
nur ein Danke

(Neufassung 2001)
Jedes Leben, egal wie alt es werden durfte, ist ein Geschenk. Unsere Erwartung, der Unsterblichkeit immer näher kommen zu können, ist ein lebensfeindlicher Irrtum, der uns vergessen lässt, das jeder Augenblick unseres Daseins geschenktes Leben ist, ohne Garantie auch morgen noch Dasein zu dürfen.
Mein Wunsch für Dich Wünsche werden zu Fantastereien, wenn wir mit ihnen meinen die Wirklichkeiten unserer Welt missachten zu können, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren. Wünsche, die auch Perspektive haben, lassen uns unsere gemeinsame Erde spüren, da sie nicht zur Flucht aufrufen, sondern einladen zum gemeinsamen Weg, ein Du, ein Ich und so ein wir!
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