Christoph Stender

:: mir ist so kirschlich

Auf meiner Haut hinterm Ohr
spüre ich noch die zwei kühlen Kirschen
und die warme Luft
der Sommertage meiner Kindheit

Jung, als ich schon älter an einem Brunnen saß
glänzten mich zwei Kirschen an, blutrot
fragend, ob mein Ohr bereit
trug ich sie wie ein Kind
kühl an meiner Haut

Kirschfarbe deiner Lippen
wie habt ihr mich verwirrt
bin rumgeirrt
Gedanken irr, rot dein Blut

Bahnhof, mit starkem Arm die Tüte aufgebrochen
Männer, wartend auf den Zug
Kirschen fressend, auch die Zwillinge
und ich spürte auf meiner Haut

Auf dem Markt, ungezählte Kirschen zum Verkauf feilgegeben,
Sonderangebot, ich fragte, darf ich die zwei probieren, blutrot und satt
ein Finger, leicht beharrt, befreit den Zwilling aus der Masse
zum Fraß mir hingehalten

Ich hing sie an mein rechtes Ohr
kalt auf meiner Haut
und ging, einmal zurückschauend
gegen den Fluss der Massen
über den Markt der Früchte

Sie lächelten, die mir entgegen kamen,
wegen zwei Kirschen,
aber nur die, die Kirsche tragen könnten.

Wir sind halt Kinder
mit kirschfarbenem Mund

Neufassung 2001. Ursprünglich aus "Dank Dir auf den Leib geschrieben – Ein Geschenk zum Weiterdenken" erschienen beim Bergmoser + Höller Verlag, 1999.

nach oben

Konzept, Webdesign: XIQIT GmbH