Christoph Stender

:: mitten am tag – angst vor dieser nacht

Noch heute sehe ich die Straßenecke
den schmächtigen Baum
das glänzende Pflaster
Noch heute spüre ich die liebgewordenen Jungen
ihre hageren Gestalten
ihre erwartungsvollen Augen
Noch heute fühle ich meinen hastigen Gang
meinen rasenden Atem
diese Schokolade in meinen Händen

Mutter
Dein durchdringender Blick haftet noch heute an meinem Körper
Deine Worte "Du hast gestohlen" klingen noch in meinem Bauch
Deine zerrende Hand an meinem Arm ist zum Bild in
meinem Kopf geworden

Ich wollte doch nur zu ihnen gehören
ließ zögernd auf die Mutprobe mich ein
wurde erwischt
das Diebesgut noch in meiner Hand

Mitten am Tag spürte ich die Angst vor dieser Nacht

Ich durfte nicht einer von Ihnen werden
Ich sehe noch heute nur eure Rücken
Ich konnte nicht wiederkommen
Die Last des Verbotes drückt noch heute

Ich wurde zum Dieb
Mutter, warum hast du mich nicht verstanden

Mitten am Tag spüre ich die Angst vor dieser Nacht
die Nacht der Verachtung
die Nacht des Verlierens
die Nacht der Einsamkeit

Viel Zeit ist vergangen
Diese Nacht hat sich eingegraben in meinen Tag
Sagt jemand heute zu mir, wir gehören zusammen
sehe ich in diese Straßenecke

Sagt jemand heute zu mir, ich bin für dich da
sehe ich diesen schmächtigen Baum

Sagt heute jemand zu mir, sei mutig für mich
sehe ich das glänzende Pflaster
mitten am Tag

Aus "Für mich ist was drin", Bergmoser + Höller Verlag, 1997.

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