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Was heißt “sich verleugnen”?

Oft stehen wir bei den biblisch überlieferten Forderungen Jesu vor einem Grundproblem. Beispiel: Jesus fordert den Armen zu helfen, zu teilen, ja sogar seine Habe zu verschenken.
Haben Sie all ihre Habe schon verschenkt? Wohl kaum. Jeder von uns würde wohl eher argumentieren: “Armen habe ich schon mal geholfen, hilfsbereit bin ich grundsätzlich und ich spende regelmäßig.” Auf die Frage aber, ob Ihre Bemühen in den Augen Jesu ausreichend seien, würden Sie wohl antworten: “Genügen werden sie wahrscheinlich nicht, aber ich bin ja auch kein Heiliger.”

Fakt: Wir sind nicht tatenlos, egal ist uns der Mitmensch nicht. Aber wir können dem Extrem, alles zu erfüllen, meist nicht gerecht werden, wir sind eben keine Heiligen.

Heute im Evangelium stellt Jesus wieder eine Forderung in den Raum: “Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst.” Soweit schon schwierig genug, das mit dem Kreuzauf-sich-Nehmen lassen wir deshalb hier unberücksichtigt. Reicht es auch hier zu sagen, ich verleugne mich halt nur ein bisschen, schließlich bin ich ja kein Heiliger? Ein bisschen verleugnen, geht das, man kann ja auch nicht ein bisschen schwanger sein? Konsequenz: Dieser Teil der Heiligen Schrift wird ignoriert. Ich hielte das für eine vorschnelle Kapitulation, denn jede Forderung Jesu sollte jeder für sich separat und immer neu überprüfen. Was heißt es, sich zu verleugnen? Selbstaufgeben kann es nicht bedeuten, genauso wenig Geringschätzung des eigenen Lebens oder gar dessen Ablehnung.

Mit Blick auf das Leben Jesu bekommt der Begriff Verleugnung Kontur. Jesus verkündet, von seinem himmlischen Vater gesandt zu sein. Das Ziel seiner Sendung ist der Mensch. Seine Botschaft verweist wiederum auf das Reich Gottes. Die Adressaten seiner Rede sind wir. Seine Vision ist die Einheit der Menschen und Jesu primäre Lebensform ist Gemeinschaft.

Kurz gesagt, wenn ich zur Deutung des Wortes “sich verleugnen” Maß nehme am Leben Jesu, dann bedeutet das: Ankommen bei der eigenen Verwiesenheit auf den anderen. Sich verleugnen heißt, diese Relation zu verlassen, die da lautet: Ich verhalte mich auf mich selbst hin und für mich. Jesu Relation bedeutet: Er verhält sich auf sein Gegenüber hin und für sein Gegenüber. Konkret: Insofern das Leben meines Nachbarn gelingt, kann auch das meine dauerhaft gelingen und umgekehrt.

Gemessen an der alltäglichen Erfahrung klingt das nicht realistisch, denn erst wenn ich mich gegen mein Gegenüber durchgesetzt habe, bin ich in unserer Gesellschaft ein Gewinner.
Die gesellschaftliche Tatsache aber ist eine Realität, die zum Abgrund führt.

Das globale Spiel der Kräfte lehrt uns doch spätestens seit dem 11. September etwas anderes. Wenn ganze Völker in Armut, bei mangelnder Bildung und in unfreiwilligen Abhängigkeiten ihr Leben fristen, dann werden sie zum potenziellen Pulverfass für die ganze Menschheit. Hier misslingt im großen Stil, was Jesus heute uns vor Augen führt: Nicht die Ich-Bezogenheit schafft Zukunft, sondern die Du-Bezogenheit. Selbstverleugnung ist Du-Bezogenheit! Dazu bedarf es Menschen, die einen Selbststand haben, von dem aus sie sich auf Gott und den Mitmenschen beziehen können. Menschen mit einem ehrfürchtigen Selbstwertgefühl können begreifen, dass Zukunft scheitert am “ich habe für mich”, und nur gelingen kann im “ich habe für mich mit dir und du hast für dich mit mir.” Das klingt wieder so niedlich nach “wenn wir dem Menschen helfen, ist Jesus zufrieden!”
Es ist dramatischer: Die gegenwärtige und (global) zukünftige Option des Überlebens der Kulturen bedeutet, auf den anderen hin gerecht zu leben, im Sinne einer recht verstandenen Selbstverleugnung.
Schon der Alltag zeigt: Ein Mensch, der sich auf keinen anderen Menschen bezieht und zu dem sich niemand in Beziehung setzt, der wird einsam, verbittert und stirbt, mindestens innerlich. Diese Vereinsamung können auch ganze Völker, aber auch Generationen einer Gesellschaft empfinden. Hier liegt der Grund allen Menschenhasses.

Erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 28.08.2005
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