www.christoph-stender.de

Was heißt “sich verleugnen”?

Oft stehen wir bei den biblisch überlieferten Forderungen Jesu vor einem Grundproblem. Beispiel: Jesus fordert den Armen zu helfen, zu teilen, ja sogar seine Habe zu verschenken.
Haben Sie all ihre Habe schon verschenkt? Wohl kaum. Jeder von uns würde wohl eher argumentieren: “Armen habe ich schon mal geholfen, hilfsbereit bin ich grundsätzlich und ich spende regelmäßig.” Auf die Frage aber, ob Ihre Bemühen in den Augen Jesu ausreichend seien, würden Sie wohl antworten: “Genügen werden sie wahrscheinlich nicht, aber ich bin ja auch kein Heiliger.”

Fakt: Wir sind nicht tatenlos, egal ist uns der Mitmensch nicht. Aber wir können dem Extrem, alles zu erfüllen, meist nicht gerecht werden, wir sind eben keine Heiligen.

Heute im Evangelium stellt Jesus wieder eine Forderung in den Raum: “Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst.” Soweit schon schwierig genug, das mit dem Kreuzauf-sich-Nehmen lassen wir deshalb hier unberücksichtigt. Reicht es auch hier zu sagen, ich verleugne mich halt nur ein bisschen, schließlich bin ich ja kein Heiliger? Ein bisschen verleugnen, geht das, man kann ja auch nicht ein bisschen schwanger sein? Konsequenz: Dieser Teil der Heiligen Schrift wird ignoriert. Ich hielte das für eine vorschnelle Kapitulation, denn jede Forderung Jesu sollte jeder für sich separat und immer neu überprüfen. Was heißt es, sich zu verleugnen? Selbstaufgeben kann es nicht bedeuten, genauso wenig Geringschätzung des eigenen Lebens oder gar dessen Ablehnung.

Mit Blick auf das Leben Jesu bekommt der Begriff Verleugnung Kontur. Jesus verkündet, von seinem himmlischen Vater gesandt zu sein. Das Ziel seiner Sendung ist der Mensch. Seine Botschaft verweist wiederum auf das Reich Gottes. Die Adressaten seiner Rede sind wir. Seine Vision ist die Einheit der Menschen und Jesu primäre Lebensform ist Gemeinschaft.

Kurz gesagt, wenn ich zur Deutung des Wortes “sich verleugnen” Maß nehme am Leben Jesu, dann bedeutet das: Ankommen bei der eigenen Verwiesenheit auf den anderen. Sich verleugnen heißt, diese Relation zu verlassen, die da lautet: Ich verhalte mich auf mich selbst hin und für mich. Jesu Relation bedeutet: Er verhält sich auf sein Gegenüber hin und für sein Gegenüber. Konkret: Insofern das Leben meines Nachbarn gelingt, kann auch das meine dauerhaft gelingen und umgekehrt.

Gemessen an der alltäglichen Erfahrung klingt das nicht realistisch, denn erst wenn ich mich gegen mein Gegenüber durchgesetzt habe, bin ich in unserer Gesellschaft ein Gewinner.
Die gesellschaftliche Tatsache aber ist eine Realität, die zum Abgrund führt.

Das globale Spiel der Kräfte lehrt uns doch spätestens seit dem 11. September etwas anderes. Wenn ganze Völker in Armut, bei mangelnder Bildung und in unfreiwilligen Abhängigkeiten ihr Leben fristen, dann werden sie zum potenziellen Pulverfass für die ganze Menschheit. Hier misslingt im großen Stil, was Jesus heute uns vor Augen führt: Nicht die Ich-Bezogenheit schafft Zukunft, sondern die Du-Bezogenheit. Selbstverleugnung ist Du-Bezogenheit! Dazu bedarf es Menschen, die einen Selbststand haben, von dem aus sie sich auf Gott und den Mitmenschen beziehen können. Menschen mit einem ehrfürchtigen Selbstwertgefühl können begreifen, dass Zukunft scheitert am “ich habe für mich”, und nur gelingen kann im “ich habe für mich mit dir und du hast für dich mit mir.” Das klingt wieder so niedlich nach “wenn wir dem Menschen helfen, ist Jesus zufrieden!”
Es ist dramatischer: Die gegenwärtige und (global) zukünftige Option des Überlebens der Kulturen bedeutet, auf den anderen hin gerecht zu leben, im Sinne einer recht verstandenen Selbstverleugnung.
Schon der Alltag zeigt: Ein Mensch, der sich auf keinen anderen Menschen bezieht und zu dem sich niemand in Beziehung setzt, der wird einsam, verbittert und stirbt, mindestens innerlich. Diese Vereinsamung können auch ganze Völker, aber auch Generationen einer Gesellschaft empfinden. Hier liegt der Grund allen Menschenhasses.

Erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 28.08.2005
Dieser Beitrag wurde in Aufsätze + Artikel, Glauben heute veröffentlicht und getaggt , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

2 Kommentare

  1. Am 25. März 2020 um 11:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Buchempfehlung: „Das pyramidale Prinzip 2.0“

    Wir sind die Basis einer Pyramide!
    Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines ‘pyramidalen’ Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet
    Wer sich nicht weiter von den Kulissenprojektionen der Matrix täuschen lassen möchte, dem hebt sich mit dem Buch: „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald, der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem Frommen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer apokalyptischen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung – darin liegt zwar eine machtvolle Absicht, jedoch keine Unvermeidlichkeit.

  2. Am 2. August 2020 um 08:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Tragödie der Geschichte des jüdischen Volkes resultiert nach Auswertung der biblischen Selbstzeugnisse aus einer tiefgreifend konfliktiven schizoiden Konstellation. Beim Auszug aus Ägypten sieht sich das Volk Israel durch den weglosen Zug in die Wüste mit dem Verfolger im Nacken in eine existentielle Rettungslosigkeit getrieben. Das ‚Ausgesetzt-Sein zur Existenz’ wird nunmehr zur konstituierenden Befindlichkeit im Judentum.
    Moses und der Pharao sind tiefenpsychologische Abspiegelung des archaetypischen Geistes Gottes, dem ‚Ich bin’ der sich fortan am ‚Du bist’ seiner Schöpfung abzuarbeiten hat.
    Wie dem Bruder der Bruder zur Anfechtung werden muß, so auch die Vater-Religion der Sohnes-Religion – weil Einer sein Selbst immer auch im Andern findet, und dadurch ein Abgrund der unversöhnlichen Schizothymie des absoluten Ich und seinem Selbstbild zu Bewußtsein gelangt.
    Dem tiefinnigen Empfinden einer Zwiegespaltenheit, dem Ich und seinem Opfer-Selbst, liegt die geistige Bedeutsamkeit der ‚Beschneidung’, die keine ‚Bescheidung’ duldet, zugrunde. Ein Wurzelschnitt auf der unteren Ebene der Leiblichkeit, für die Transformation in die Geistigkeit. Es ist Vollzug einer Leib- und Seelenarbeit zum Zwecke der rituellen Wiederholung eines Traumas durch ein Trauma. Was vormals Ohnmächtigkeit gewesen war, soll transformiert werden zur Selbstermächtigung. Aus all diesem Ringen erhält die Dialektik ihre Impulse, der Dualismus der Ausschließlichkeit, die Polarität des Guten Wähnens und der Bösen Tat. Dies ist die nichts Weniger als die Geschichte der Welt selbst. Es geht daher um Alles-oder-Nichts-Sein eines ‚Willen zur Macht’. Nimm einen Teil fort, so tilgst Du das Ganze. Das Gesetz ist nur erfüllt, wenn Du es ganz erfüllst – wehe dem, der etwas hinzufügt, oder hinweg nimmt ..

    Buchempfehlung: „Das pyramidale Prinzip 2.0“, von Franz Sternbald

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*

© Christoph Stender | Webdesign: XIQIT GmbH
Impressum

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen