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Kunstwerke, die zum Menschen führen

Kunstwerke, die zum Menschen führen

Ausstellung in der Domschatzkammer eröffnet den Besuchern für kurze Zeit neue „Schatzansichten“

Pfarrer Christoph Stender vor der Monstranz des Hans von Reutlingen (um 1520) mit einer "Schatzansicht". Foto: Klaus Herzog

Auch wenn erste Besucher enthusiastisch auf die derzeitige Ausstellung in der Domschatzkammer reagieren und drängen, sie solle doch bitteschön für immer bleiben: Hochschulpfarrer Christoph Stender bleibt bei seiner Idee einer zeitlich begrenzten Präsentation; denn „der Zugang zum Schatz hinter dem Schatz ist ganz subjektiv, ist eine mögliche, nicht die einzige Sichtweise“, betont er.

Nicht zum ersten Mal geht die Domschatzkammer den nicht von allen Besuchern akzeptierten Weg, den Schätzen, die dem Dom in vielen Jahrhunderten geschenkt worden sind, moderne Kunst gegenüberzustellen, damit die Werke selbst für den Betrachter in einen Dialog treten können. Diesmal ließ Dr. Georg Minkenberg, der Leiter der Schatzkammer, Pfarrer Christoph Stender ein gedankliches Konzept entwickeln, das versucht, den Domschatz mit Texten neu zu erschließen. Grundlegend ist für Stender die Erkenntnis, dass die Gegenstände dieses Kulturerbes nicht für Vitrinen hergestellt worden sind, sondern zunächst für den frommen Gebrauch. Für den heutigen Zeitgenossen haben sie nicht allein eine religiöse Dimension, sondern eine Lebensrelevanz, sie können viel bedeuten, hilfreich für sein Leben sein. Dies will Stender deutlich machen; dabei sollen seine Texte aber nur Wegbegleitung sein.

Zwölf Kunstwerke sind durch Schrifttafeln ins Bewusstsein gerückt, werden aber nicht von ihnen überlagert: Der Domschatz bleibt die Hauptsache. Dazu kommen sechs Sonderexponate, die sonst nicht in den Vitrinen der Schatzkammer zu sehen sind. Es handelt sich um äußerlich eher unscheinbare Dinge aus dem Depot, die aber das Bewusstsein für die Gegenwartsbedeutung des Domschatzes wecken können, indem sie die Gefährdung durch Krieg und Zerstörung klarmachen aber auch die jüngsten Werke zeigen (von 1966), zugleich wird in einem fränkischen, vorkarolingischen Baumsarg der Betrachter an sein eigenes Ende erinnert.

Immer wieder wird so die Vergangenheit in die Gegenwart gebrochen, wird der Mensch zu kritischen Gedanken angeregt. Bekannte Sehweisen können aufgelöst werden, ein Mittel ist dabei die Verfremdung durch ironische Distanz. Die Karlsbüste etwa wird als Nicht-Abbild vorgestellt; von dem großen Kaiser gibt es kein echtes Porträt. An anderer Stelle steht der Besucher sogar vor seinem eigenen (Spiegel-)Bild: „Ja, Sie sehen richtig“, lautet der zugehörige Text.

Weitere Themen sind die Liebe, die eben am Proserpina-Sarkophag fehlt: Pluto raubt die Tochter der Ceres, doch aus der Gewalt kann keine Liebe erwachsen. – Vor dem Lotharkreuz weist Stender auf die Not und Armut des Erlösers am Kreuz hin und zugleich auf die Größe und Herrlichkeit seiner Tat. Das Kreuz selbst weist analog eine „arme“, weniger beachtete, und eine mit Edelsteinen reich geschmückte Schauseite auf. – Ein Tisch aus Plexiglas trägt die Botschaft von der Eucharistie, von Mahlgemeinschaft und Vergebung, von Kommunikation und menschlicher Nähe.

Die – leere – Monstranz des Hans von Reutligen verweist darauf, dass die schöne äußere Fassade wertlos ist, wenn kein entsprechender Inhalt dahinter steckt. Dieser Gedanke ist durchaus auch kulturkritisch auf die Gegenwart gemünzt. – Zu Maria macht Stender deutlich, dass sie eine Frau von großem Format gewesen sein muss, die ihrer Sendung selbstbewusst und treu nachgekommen ist und so Anteil am Erlösungswerk hat. – Den Abschluss finden die „Schatzansichten“ vor dem restaurierten Astkreuz aus dem Dom. Mit dem „Wunsch den Toten nachgerufen“ von Bischof Hemmerle wird die Zärtlichkeit Gottes und die Tiefe des österlichen Geheimnisses deutlich. Not, Tod und Schuld sind aufgehoben.

Übrigens: Kirchensteuermittel sind in diese Ausstellung nur in ganz geringem Ausmaß geflossen; 95 Prozent der Gelder kamen von Sponsoren. Eine wertvolle Einführung in die Ausstellung und ihr Konzept vermittelt die ausführliche Internet-Seite (www.schatzansichten.mecca.de). Hier gibt es auch zahlreiche nützliche Informationen zu Terminen und Adressen.

Quelle: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 56. Jg., 10.6.2001, S. 26.
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