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Pure Provokation im Domschatz

Pure Provokation im Domschatz

Die Ansichten des Pfarrers Christoph Stender

Verfremdet: Die Karlsbüste erfährt eine neue Interpretation. Foto: Jaspers

„Liegt es fern zu behaupten, dieser Schatz hat auch uns heute mehr zu sagen als nur ein fast keimfreies museales Kulturerbe der Menschheit zu sein?!“ Der Aachener Hochschulpfarrer Christoph Stender zeigt nun seine „Schatzansichten“, mit denen er die Besucher der Domschatzkammer provozieren möchte. Seine Texte und die Installationen des „mecca“-Teams um Nikos Geropanagiotis wollen kleine zerbrechliche Brücken sein zu einem neuen Verständnis.

Von Bernd Büttgens

Aachen. Ungefähr 300 000 Besucher zählt der Leiter der Domschatzkammer, Dr. Georg Minkenberg, jährlich. Von rund einer Million Domgäste weiß Dompropst Dr. Hans Müllejans zu berichten. Ist es nicht am Ende nur ein kleiner Prozentsatz dieser Menschen, der sich überhaupt für Stenders Ansichten interessiert? Und Folgefrage: Lohnt sich der Aufwand für eine solch ambitionierte Ausstellung – 25 lyrische Texte vor 22 Installationen und sechs bislang unbekannten Exponaten des Domschatzes? Mehr: Wer will das ergänzende, Buch – 158 Seiten, vierfarbig, Titel „Schatz Ansichten“ – denn überhaupt lesen?

Christoph Stenders Intention können solche Daten und Fragen nicht mindern. Der Dom und seine Schatzkammer sind für ihn Herzensangelegenheiten, sie sind tief verwurzelt in der eigenen Biographie. Schon die erste Begegnung als 13-jähriger Messdiener, aus Krefeld angereist und von der Marienkirche und seinem damaligen Führer, Domkustos Dr. Erich Stephany fasziniert, prägte für ein Leben. „Immer und immer wieder habe ich die Schätze betrachtet, habe erkannt, wie Menschen damals versucht haben, auf solch filigrane Weise ihren Glauben auszudrücken.“ Und dann hat der Studentenpfarrer, der seit neun Jahren Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde ist, den Dialog mit den Kunststücken aufgenommen: „Seid ihr nur alt? Oder habt ihr noch etwas zu sagen?“ Dass keine Antwort kam, wird auch Stender nicht verwundert haben, allerdings reifte fortan sein Entschluss: „Gut, ihr kriegt meine Stimme!“

Es gab viele Impulse für diese Ausstellung, „die zwar fromm ist, weil jeder Satz der Würde des Schatzes dient“, wie Georg Minkenberg sagt, „und doch so ungewöhnlich erscheint“. Das Domkapitel machte mit, ließ sich ein auf Stenders Lyrik, auf seine Hoffnung, dass „die Betrachter mehr entdecken, als sie sehen“.

Zusammen mit dem Team um Nikos Geropanagiotis und seine Frau Manuela, Spezialisten für Neue Medien und verantwortlich für die Schatzkammer-CD-ROM, und den Fotografen Pit Siebigs rückt Stender aktuelle Lebensthemen in den Blickpunkt, ohne die Schätze auch nur einen Millimeter zu verschieben. Auf zeitgenössische Weise wird verfremdet, die Sehgewohnheiten verändern sich. Mal wählt man sehr einfache Textdarbietungen – Lettern auf Papier oder Stoff -, mal wird das Trägermaterial modern, ein laufendes Lichtband unter der Karlsbüste, ein Automat mit Texten unter Tasten im Marienraum. Ein Zitat: „Mein geliebter Mensch/ traute mir sein nacktes Leben zu/ ich nahm es in meine Hände/ spürte unendlich schwach/ die Kraft/ die diese Maria/ so stark sein ließ.“

Stender will „Denkmale als Zwischenrufe“ setzen. Er geht behutsam mit dem Ort um, neue Perspektiven schaffen seine oft stammelnden, seine suchenden Worte, die man auch findet, wenn man sich über Brüstungen beugt oder vor Spiegeln kniet.

Liebe, Macht, Sterben, Sexualität und Krieg – Stender bringt seine Gedanken auf den Punkt. Provozierend. Der Lyriker fordert den Besucher und wäre dann wohl am glücklichsten, wenn der Betrachter entdecken würde: „Hoppla, das hat ja mit mir zu tun.“ Dabei aber nicht vergisst, „dass kein einziger Mensch der Menschheitsfamilie ein vergänglicher Zufall ist, sondern ein Geschenk aus der Hand dessen, der sagt: Ich bin der Ich-bin-da.“

Die Ausstellungsmacher hoffen auf eine große Resonanz. Von 100 000 Neugierigen träumt man, die Ausstellung hätte sie verdient, weil sie ausdrucksstark ist, dabei nicht den Zeigefinger erhebt oder sich billig an einen Zeitgeist schmiegt. Da gibt einer seine Gedanken preis, der von den Sorgen und Nöten der Menschen weiß, weil er mit ihnen konfrontiert wird. „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt“, zitiert er gerne ein Johannes-Wort, das auch Bischof Heinrich Mussinghoff in seinem Vorwort zum begleitenden Buch aufgreift. Der Bischof ist voll des Lobes über Stenders Werk: „Entfesselnde Worte und Schätze.“

Über ein Jahr Vorbereitung ist vorbei. Jetzt hoffen die Provokateure auf Menschen, die ganz und gar dem Spruch auf den Eingangstreppen folgen mögen: „An diesem Ort atme Hoffnung!“

Quelle: Aachener Zeitung, 28.4.2001.
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