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Wie ein Hoffnungsträger vor Wände läuft

Wie ein Hoffnungsträger vor Wände läuft

Flüchtling Kaninku-Tresor Kalonji sitzt im Kampf ums Diplom zwischen allen Stühlen. Bürgermeisterin: „Flexible Lösungen überfällig“.

Von unserem Redakteur Matthias Hinrichs

Aachen. In seinem gelben Hemd mit dem markanten Brasilien-Signet ginge der drahtige junge Mann glatt als südamerikanischer Ballzauberer der ersten Garde durch. Wäre er einer, hätte er wohl so manchen bürokratischen Stolperstein längst umdribbelt – mit Hinweis auf sein Bankkonto.

Kaninku-Tresor Kalonji stammt allerdings aus dem Kongo. Und sein Portemonnaie könnte leerer nicht sein. Sportliches Talent beweist der 25-Jährige eher als Fitnesstrainer – einer von ungezählten Jobs, mit denen er seine mittlerweile 13 Semester Betriebswirtschaft an der RWTH bislang finanziert hat. Allein. Denn es gibt niemanden, der ihn auch nur mit einem Cent unterstützen würde. Dabei ist der gebürtige Afrikaner fraglos auch im Kopf über die Maßen flink. Davon zeugt nicht nur sein Abitur-Schnitt: 1,2.

Ringt praktisch täglich um die Finanzierung seines Studiums: Nach schier endlosem Kampf gegen bürokratische Windmühlen hofft Kaninku-Tresor Kalonji auf Hilfe durch den Landtag. Unterstützung erhält er von der KHG, der Hochschule und Bürgermeisterin Hilde Scheidt.Foto: Michael Jaspers

Trotzdem ist Kalonji nun am Ende seiner Kraft. Vor zwei Jahren erlitt er einen Kollaps. Da hat er vielleicht zum ersten Mal gedacht, dass er sein Diplom nicht „packen“ würde – trotz aller Fähigkeiten. „Meine Ärztin meinte: ‚Mit deiner Intelligenz würdest du dauerhaft krank, wenn du nur noch Fließband-Jobs machen würdest‘“, erzählt er. Fragt sich, welche Alternative ihm bleibt. Denn als Flüchtling ohne deutsche Staatsangehörigkeit purzelt er seit eh und je durch die Maschen des viel diskutierten deutschen Bildungsnetzes. „Menschen wie er laufen permanent vor Mauern, statt dass man ihnen alle Chancen gibt, die sie verdienen“, schimpft Bürgermeisterin Hilde Scheidt.
Mit den KHG-Referenten Markus Reissen und Ute Kray sowie Pfarrer Christoph Stender will die Grünen-Politikerin nun nach einem Weg suchen, dem Studenten einen flotten Abschluss zu ermöglichen. Inzwischen hat der 28-Jährige eine Petition an den Landtag gerichtet. Die wird von der KHG, wo Kalonji sich seit Jahren engagiert, ebenso unterstützt wie von der Leiterin der TH-Abteilung Ausländerstudium, Dr. Ulrike Brands.

Denn Kalonjis Biographie weist einen dramatischen Bruch auf. 1989 musste er mit seinen Geschwistern und seiner Mutter aus dem Kongo, damals noch Zaire, flüchten. Kurz zuvor war sein Vater von den Schergen des Diktators Mobutu ermordet worden; er hatte Kontakte zu Oppositionellen unterhalten. Nach zähem Kampf erhielten Mutter und Sohn eine Aufenthaltsbefugnis – das war 1999. Kalonji besuchte zunächst zwei belgische Gymnasien in Düren und Gemmenich. „Kurz vor dem Abi habe ich mir gesagt: Wenn du eine Chance haben willst, müssen die Noten besser werden“, erzählt er lachend. Er wechselte aufs private Athénée Royal in Rösrath. „Das habe ich mit einem Job in einer Papierfabrik in Düren finanziert. Das war wirklich hart.“ Denn nach wie vor lebten er und seine Familie im Übergangswohnheim und waren auf Sozialhilfe angewiesen. Kalonji schrieb sich an der RWTH ein – und bezog bald eine Studentenbude. „Ich suchte mir sofort einen Job, denn auch die Miete für die Zeit, in der ich als Student noch im Asylheim gelebt hatte, musste ich zurückzahlen.“ Anspruch auf Bafög hatte er als Flüchtling ohne langfristigen Aufenthaltsstatus ohnehin nicht. Klar, dass das Studium durch den zeitraubenden täglichen Kampf ums Brot massiv litt. „Inzwischen“, resümiert Reissen lakonisch, „hat Kalonji eine Niederlassungserlaubnis. Aber auch die nützt ihm wenig. Weil er bereits im 13. Semester ist, hat er weiter keinen Anspruch auf Bafög. Und: Demnächst müsste er auch noch Studiengebühren zahlen.“

Ein klassischer Teufelskreis, der nur durch neue Regelungen durchbrochen werden könne, findet KHG-Pfarrer Stender: „Gesetze sollen doch helfen, das Leben zu erleichtern.“ Hier aber blockierten sie junge Menschen, die ihre Zukunft mit eiserner Energie, Verantwortungsgefühl und besten Talenten gestalten wollten.
„Zugleich werden Förderprogramme zurückgefahren, Stipendien gibt es nicht – erst recht nicht, wenn man das Hauptstudium noch nicht erreicht hat“, kritisiert Ute Kray. „Man greift sich an den Kopf und fragt sich, warum es da keine Spielräume gibt. Wird heute nicht bei jedem denkbaren Anlass betont, dass unser Land auf gute Köpfe mehr angewiesen ist denn je?“

Bei derlei rhetorischen Fragen freilich wollen es die KHGler im Schulterschluss mit der Bürgermeisterin nicht belassen. „Diese Stadt ist zu Recht stolz auf ihre Bemühungen zur Integration“, meint Scheidt. „Ich denke, die Politik muss auf allen Ebenen intensiv darüber nachdenken, wie sie Kriterien entwickeln kann, um Menschen wie Kalonji eine Zukunft zu ermöglichen. Schließlich profitiert sie auch selbst davon.“

Inzwischen denkt Kaninku-Tresor Kalonji nicht mehr ans Aufgeben. „Wenn ich mich aufs Studium konzentrieren könnte, hätte ich meinen Abschluss in drei Jahren“, sagt er. Und: „Natürlich könnte ich mir vorstellen, hier zu bleiben. Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie in Deutschland leben durfte und darf.“

Quelle: Aachener Zeitung, 28. Dezember 2006
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