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Monolog zu der Karlsbüste

Nacht, Schatz

Monolog zu der Karlsbüste des Aachener Domschatzes

Der Text wurde den Betrachtern der Karlsbüste vorgespielt. Die entsprechende Tondatei ist bei den O-Tönen zu finden.

Am Ende dieses Rundgangs stehen zwei Gesichter, das der Proserpina und das des Gottes der Unterwelt Pluto im Vordergrund.

In Kombination mit einem Text, der das Geschehen zu beschreiben versucht, wird eine der größten Sehnsüchte des Menschen angesprochen, geliebt zu sein und zu lieben. Hier wird nur noch thematisiert, wie letztlich wir nur machtlos vor unsere Sehnsucht nach Liebe stehen können, wissend darum, das lieben und geliebt werden ein Geschenk ist, das auch wir nicht durch Raub, Macht und Nötigung uns nehmen können. Liebe will sich einem Menschen zuflüstern!

Willkommen, ich möchte sie alle ganz herzlich begrüßen!
Ich bin sicherlich der Blickfang hier in diesem Raum!
Nun gut werden sie sagen: Wer so goldglänzend ist wie ich, der muß sich nun wirklich nicht wundern bestaunt zu werden.
Dass ich ein Abbild von Karl dem Großen bin, brauche ich ihnen wohl auch nicht zu sagen. Tja, wie wertvoll ich bin, können sie so in etwa an der dicke der Panzertüren einschätzen, durch die sie eben gegangen sind. Aber das ist nun wirklich kein Grund zurück zu gehen. Übrigens, Karl der Große hat in Wirklichkeit nicht so ausgesehen wie hier auf dieser Büste abgebildet.

Alles ein wenig idealisiert

Alles ein wenig idealisiert, vielleicht ein Hauch von Ähnlichkeit. Sie können ruhig noch ein kleines Stück näher kommen, aber nicht zu nahe, vergessen sie bitte nicht die Alarmanlage.
Wussten Sie, das Karl der Große vor über 1200 Jahren hier gelebt hat? Nein, nicht in der Schatzkammer! Hier auf dem Gelände wo der Dom und das Rathaus stehen! Dieser Mann war schon eine große Persönlichkeit. Er hatte ein riesiges Reich zusammengefügt mit Grenzen bis nach Spanien und Italien, an die Nordsee und die Elbe. Also ganz Westeuropa, das muß man schon so sehen. Die Idee, die da hinter stand, war die, viele einzelne Stämme zu vereinen und zu einem christlichen Reich zusammen zu führen.

Ok, nicht alle fanden diese Idee auf anhieb toll

Ok, nicht alle fanden diese Idee auf anhieb toll, denn damals beteten viele noch Götter an, die Sie heute nur noch aus Sagen kennen. So manches Volk mußte Karl eben mühselig überzeugen.
So entstanden dann auch die Sachsenfeldzüge, von denen manche nichts Gutes berichten… Aber alles in allem wollte er ein gerechter Herrscher sein und er war es wohl auch. Ein großer Herrscher wie Karl der Große legte natürlich auch sehr viel Wert auf Kultur, er pflegte die Wissenschaft und prägte die Schrift was bis in unsere heutige Zeit von Bedeutung ist.

Karl, so ca. 178 cm. groß

Karl, so ca. 178 cm. groß, war ein sehr gläubiger und frommer Mann. Sonst hätten wir heute nicht einen so eindrucksvollen Dom, tja, den kann man von hier aus nicht sehen, der steht nebenan, aber das bringt jetzt auch nicht viel, es ist ja dunkel! Das Rathaus hat er übrigens auch bauen lassen aber das hat sich im Lauf der Zeit doch stark verändert und hieß damals noch Königshalle. Nun gut, ich merke schon, ich wirke etwas einschläfernd mit zu viel Kleinigkeiten! Ach ja, die Kinder fragen mich oft wieviel ich denn so kosten würde?
Also mal im Klartext: Ich bin unbezahlbar, da einmalig!

Ganz nebenbei bemerkt

Ganz nebenbei bemerkt, die Krone, die ich heute trage, ist später entstanden als mein Kopf, so um 1349. Manchmal fragt man mich: Warum gibt es dich eigentlich? Also, das ist gar nicht so leicht zu erklären!
Versuchen wir es mal so: Wenn sie jetzt alle so ungefähr 2 Meter und 50 groß wären oder ein kleines Leiterchen zu Hand hätten, dann könnten Sie mir mal auf’s Haupt schauen und würden eine interessante Entdeckung machen! Da ist nämlich ein runder Deckel und darunter ist die Schädeldecke Karls des Großen zu sehen

Ich muß etwas weiter vorne anfangen

Aber langsam, ich muß etwas weiter vorne anfangen. Im 12Jh. wurde das Grab Karls geöffnet und ein Teil seiner Gebeine in den prächtigen Karlsschrein gelegt, der heute im Dom steht. Zugegeben, die Gebeine Karls wurden ganz schön verteilt, eine ganze Menge blieb in Aachen, ein paar Knochen kamen in Kirchenkammern nach Paris und noch an andere Orte.
Der Grund dafür:
Karl war auch noch nach seinem Tod ein wichtiger Mann, den man nicht vergessen wollte. Einige verehrten ihn als Heiligen! Das tun auch heute noch viele Menschen hier in Aachen. Dabei ist Karl gar kein richtiger Heiliger, denn an seinem Todestag feiert niemand Namenstag – so wie das bei anderen Heiligen der Fall ist. Aber das wissen sie ja bestimmt, oder?
Kennen sie eigentlich ihren Namenspatron, wenn ich das einfach mal so fragen darf? Was halten Sie davon mal etwas über ihren eigenen Namenspatron nachzulesen, wie er gelebt hat, was er leistete und wie er gestorben ist, das ist oft sehr interessant. Pardon, ich schweife wieder ab, nehmen sie es mir bitte nicht übel. Also, noch mal zurück zu der Frage, warum die Knochen von Karl dem Großen so wichtig für viele Menschen sind.

Es geht ihnen doch auch manchmal so

Da ist etwas geschehen, das sie selber wohl auch kennen. Es geht ihnen doch auch manchmal so? Ein ganz, ganz lieber Mensch hat ihnen eine Rose geschenkt oder einen liebevollen Brief geschrieben. Auch wenn dieser Mensch nicht mehr für sie zu erreichen ist und gerade dann, heben sie diesen Brief an einem ganz besonderen Ort auf und die Rose wird gepresst, bevor sie ganz vergeht und dann in eine schöne Schachtel gelegt, ins Tagebuch oder an einen für Sie etwas heiligen Ort!
Sie kennen das doch auch, oder?
Und so ähnlich ist das mit den Reliquien von Karl! An ganz vielen Orten wollte man ihn ganz nahe spüren. Deswegen war man an seinen sterblichen Überresten sehr interessiert.

Sprechendes Reliquiar

Nun gut, ich berge nun einmal die Schädeldecke von Karl und weil die den Menschen damals so wertvoll war, hat mich ein Goldschmied angefertigt, so wie ich heute hier stehe. In der Fachsprache werde ich als ein „sprechendes Reliquiar“ bezeichnet! Jetzt denken sie bestimmt: Richtig, der quaselt ja die ganze Zeit, aber „sprechen“, bedeutet hier, dass meine Gestalt für den Inhalt spricht – also ein Kopf für ein Stück Schädel von Karl dem Großen.
Entschuldigen sie, diese Ausführungen haben etwas länger gedauert, aber sie kennen das ja, man spricht ganz gerne über sich selbst.

Gemmen und Kameen

Haben sie eigentlich schon die wunderbaren Steine gesehen, die meinen Mantel und die Krone zieren? Diese Steine haben schon in antiker Zeit als Schmuck gedient. Es sind auch viele kleine Bilder zu sehen. Zum Beispiel ein Gesicht – hier auf meiner Brust in der Mitte der weiße Mondstein – oder darunter die Rinder. Interessant, nicht wahr? Das sind Gemmen und Kameen, so nennt man die Dinger offiziell, es gibt aber auch Steine einer Kette – die Bohrung für die Schur ist durch den klaren Stein zu sehen – haben sie es entdeckt? Da – auf dem unteren Rand? Sie sagen nun vielleicht: ist ja ganz hübsch, aber was soll das?
Das ist schon eine ganz wichtige Angelegenheit:
Früher haben die Menschen, besonders die Könige sich als Nachfahren der großen antiken Kaiser gefühlt und mit diesen wertvollen alten Schätzchen haben sie eine – na, wie soll ich sagen – so eine „geistige“ Verbindung herstellen wollen, damit jeder sieht wer die mächtigen Vorfahren waren, auf die sie sich berufen.

Das ist ähnlich ja auch heute noch so

Das ist ähnlich ja auch heute noch so – man sammelt Antiquitäten des vorigen Jahrtausends ja nicht nur weil sie wertvoll sind, als Geldanlage, sondern weil man damit eine romantische Vorstellung von der „guten alten Zeit“ verbindet. Sie sehen, alles fließt, wie die alten Griechen sagen, und doch ändert sich nichts! Das Fließen fließt eben nicht! Ich finde es richtig nett, so mit ihnen zu plaudern – auch wenn das hier mehr als ein Monolog ist. Es gäbe noch so vieles zu erzählen – sie glauben ja gar nicht, was ich in den letzten 550 Jahren alles gesehen und erlebt habe. Vieles war aufregend, manches auch schrecklich, Sie können sich gar nicht vorstellen wie einige Leute sich hier verhalten, so daß ich manchmal noch Alpträume habe? Nun, das reicht aber jetzt auch erst einmal.

Tschüss

Also halte ich lieber meinen Mund und wünsche ihnen noch eine schöne Nacht im Schatz. Vielleicht bis bald? Hier rechts geht es übrigens weiter und es gibt noch viel zu entdecken. Tschüss!

 

 

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