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Statement Christoph Stender

Schatzansichten

Statement Christoph Stender

Zur Pressekonferenz am 27. April 2001

Der Funke, der diesem Ausstellungsprojekt zu Grunde liegt, ist über 30 Jahre alt. Zwei Drittel meines Lebens schlummerte er, von keinem geringeren als dem damaligen Domkustos Prälat Dr. h.c. Erich Stephany durch eine Domführung in mir entfacht. Vor über einem Jahr wuchs der kleine Funke zu dieser Idee einer Ausstellung mit dem Titel „Schatzansichten“.

Oft hat mich in den vergangenen Monaten die Frage bedrängt, ob es eigentlich legitim sei, mit meinen lyrischen Texten und einer modernen Präsentationstechnik diesen ehrwürdigen Schatz, für begrenzte Zeit, in einem anderen Kontext zu zeigen, um so die Sehgewohnheiten der Betrachtenden dahingehend zu verändern, dass sie mehr sehen, als das üblicher Weise der Fall ist. Durfte ich diesem Schatz meine Gedanken leihen und sie dann auch noch anderen zugänglich machen? Würde man mir nicht eventuell Zeitgeistmentalität vorwerfen können?

Immer wieder versuchte ich, mich mit der Intention dieser Ausstellung zu beruhigen, diesem Schatz meine Worte zu leihen, damit in ihm mehr entdeckt wird als der Schatz von außerordentlichem Wert und kaum überbietbarer Qualität. Immerhin bin ich berechtigt der Überzeugung, dieser Schatz erschließt in seinen Ansichten Aussagen, die dem Menschen unserer Zeit Konkretes auf das eigene Leben bezogen sagen können. Auch meine bisher gemachte Erfahrung gab mir recht. Denn jene Menschen, denen ich diesen Schatz in seiner religiösen und lebensrelevanten Dimension erschließen durfte, sahen nun diesen Schatz mit anderen Augen, und sie entdeckten mehr als nur ein kunstvolles Kulturerbe.

Beim Empfang zur Ausstellungseröffnung: Christoph Stender signiert ein "Schatz Ansichten"-Exemplar für Nikos Geropanagiotis von mecca neue medien. Foto: Monika Cäter

Schließlich aber gab mir der Schatz selbst die beruhigende Antwort auf meine mich verunsichernde Frage. Die Veränderung zum Beispiel der Präsentation der Reliquien im Laufe der vergangenen Jahrhunderte macht deutlich, dass immer wieder die aktuelle Lebenssituation und die daraus erwachsenen Sehgewohnheiten in der Gestaltung der Kunstwerke Berücksichtigung gefunden hatten. Nur aus dieser Tatsache heraus erklärt sich, dass eine Veränderung in der Präsentation der Reliquien auch in Aachen stattgefunden hat, und zwar von der verbergenden Darstellung der verehrten Reliquien hin zu der sichtbaren Darstellung.

In den sich wandelnden Zeiten wurde immer wieder versucht, den betrachtenden und verehrenden Menschen Brücken zu bauen, damit sie einen Zugang zu den Schätzen finden konnten.

In dieser Ausstellung verändern wir allerdings an den Exponaten nichts! Wir versuchen, einfache aber auch ansprechende und ermutigende Brücken zu bauen, die trotzdem sehr zerbrechlich sind, auf denen der betrachtende Mensch eingeladen ist, diesen Kunstwerken entgegenzugehen, um ihnen „zuzuhören“, auch wenn die Worte diesem Schatz nur geliehen wurden und subjektiv geprägt sind.

Diesen Schatz gilt es nicht nur zu bewahren! Diesen Schatz gilt es in seinem ganzen Reichtum immer neu zu erschließen, weil er nicht für sich selbst geschaffen wurde, sondern um der Kommunikation zwischen Gott und den Menschen Willen. So kann dieses kostbare christliche Erbe nicht anders, als immer an der Seite des Lebens eines jeden Menschen stehen zu wollen, da seine eigene „Lebensberechtigung“ einzig im Dienst des Wortes Gottes zu finden ist, der Botschaft des Lebens.

Dieser Tatsache fühle ich mich auch als Priester verpflichtet und deshalb leihe ich ihr mein einfaches Talent, mein Wort!

Ich bin sehr dankbar, dass ich in der Entwicklungsphase dieser Ausstellung und des Buches, das im Kontext dieser Ausstellung entstanden ist, vielen engagierten und kompetenten Menschen begegnet bin, die mir ihre Talente zur Verfügung stellten, um dieses Projekt so zu gestalten, damit es erreicht, was es berühren will, Menschen in ihrer Sehnsucht nach Leben.

Diese Ausstellung allerdings erhebt nicht den Anspruch dauerhaft neben und mit dem wohl bedeutendsten Kirchenschatz nördlich der Alpen Zukunft zu verbringen. Diese Ausstellung und ihre Lyrik sind vergänglich und werden auch bald wieder einfach verschwinden. Die Ausstellung ist ein Augenblick, der bewusst wieder zerbrochen wird. Nach einigen Monaten wird diese Ausstellung in ihre Einzelteile zerlegt. Einige der Wortinstallationen werden versteigert werden für einen aktuellen guten Zweck. Zurück bleibt dieser alte Kirchenschatz in seiner gewohnten Art der Präsentation. Nur die Erinnerung einiger, die diese Ausstellung besucht haben, wird Zeugnis davon sein, dass es da doch diese „Schatzansichten“ gab, die etwas zu sagen hatten, das in einigen Herzen lebendig ist. Dann aber werden andere gerufen sein, diesem Schatz, auf anderen Wegen als dem meinen, ihre Sympathie zu schenken.

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