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Statement Dr. Georg Minkenberg

Schatzansichten

Statement Dr. Georg Minkenberg

(Leiter der Domschatzkammer)
Zur Pressekonferenz am 27. April 2001

Während der Ausstellungseröffnung: Philipp Maintz am Flügel. Foto: Monika Cäter

„Schatzansichten“ heißt die Ausstellung, die ab Sonntag in der Domschatzkammer für zwei Monate zu Gast sein wird. So mancher aufgeklärte oder sich dafür haltende Zeitgenosse wird nicht nur diese Ausstellung von Christoph Stender sondern Dom und Schatz und das, wofür sie stehen, als „Ansichtssache“ betrachten.

Tatsächlich besteht der Aachener Domschatz aus lauter „Ansichtssachen“ in einem wörtlichen Sinne. Die Schutzlosigkeit des Bildes seinem Betrachter gegenüber – und der Aachener Dom und sein Schatz sind in einem gewissen Sinne Bilder – liegt auch darin, daß man seine Aussage reduzierend zu eigenen Zwecken instrumentalisieren kann. Da zählt etwa nur die Form in ästhetischer oder auch technischer Hinsicht während der Inhalt als unzeitgemäß abgelehnt wird, da zählt nur der Inhalt und die Qualität der Form spielt keine Rolle, da zählen nur Geschichte und Funktion und Form und Inhalt werden bedeutungslos bis zur Preisgabe. Die Reihung ließe sich beliebig fortsetzen. Nicht nur das, was man schätzt, ist Ansichtssache sondern auch, was man daran schätzt.

Gegen diese verabsolutierende Beliebigkeit ist Christoph Stender angetreten. Er leiht Dom und Schatz seine Stimme, will ihnen mit seinen Worten Gehör verschaffen, versteht er sie doch als ein Plädoyer für die Gegenwart Gottes in die Gegenwart des Menschen hinein. Gewiß, das ist eine sehr subjektive Stimme – wie auch jedes Bild sehr subjektiv ist und sehr vorläufig. Darauf kommt es nicht an sondern darauf, daß wir uns ein Bild machen, daß wir im Bilde sind, daß wir die wohlfeilen Fesseln liebgewordener Seh- und Verständniskonventionen ablegen. So gesehen sind Christoph Stenders Worte „ent-fesselnd“.

„Schatzansichten“ ist eine Ausstellung von Worten, die mit den Mittel moderner Präsentationstechnik wie Schätze, als Schätze, präsentiert werden. Dabei kam es darauf an, die Präsentation sosehr in die Architektur der Domschatzkammer zu integrieren, daß deutlich wird: Diese Worte beziehen sich auf die ausgestellten Objekte und geben ihnen den Vorrang, indem sie ihnen eine Stimme geben. Wer sich länger einsieht, wird freilich feststellen, daß es dank der Kunst von Manuela und Nikos Geropanagiotis dabei auch zu einem beziehungsreichen Spiel gekommen ist, etwa zwischen Vordergrund und Hintergrund, der vordergründig nicht sichtbaren und nur durch eigenes Tun sichtbar werdenden Aussage.

Aber nicht nur das: Christoph Stender hat für die Ausstellung aus den Depots der Dombauleitung und der Schatzkammer sechs Exponate ausgesucht, die sonst nicht ausgestellt sind. Nicht ausgestellt sind, weil sie nicht für sich sondern nur im Kontext einer Geschichte, die man erzählen muß und deren Bestandteil sie sind, den Blick des Betrachters fesseln können. Sie sind Zeugen jener letzten Wahrheit alles Irdischen, nämlich seiner Vergänglichkeit: ein uralter, leerer Sarg, ein zerstörter Kelch, eine Holzkiste, in der die Heiligtümer in Kriegszeiten eingemauert waren, ein aus der Wand gebrochenes Weihwasserbecken, ein kleiner Zettel als letzte Erinnerung an ein geheimnisumwittertes zerstörtes Reliquienkästchen und zuletzt jener so kostbare wie empfindliche kleine Kelch aus reinem Gold, den Ewald und Sonja Mataré schufen in Anlehnung an die Frühform eucharistischer Kelche. Die Größe der Bilder, mögen sie nun Dom oder Schatzstück heißen, kann nicht über ihren fragmentarischen Charakter und ihre Vergänglichkeit hinwegtäuschen.

Christoph Stenders Schatzansichten-Ausstellung wird das gleichnamige Buch überdauern. Es bietet weniger als die Ausstellung und zugleich mehr. Weniger, da jenes unmittelbare räumliche Miteinander von Schatz und Wortschatz ihm notwendigerweise abgeht, mehr, indem es den Dom und Teile seiner Ausstattung einbezieht und als Buch ganz in die Lebenswelt seines Lesers und Betrachters gibt. Dieses Buch enthält auch ein sehr persönliches Te Deum des Autors. Man mag es so verstehen, daß im Kontext der „Schatzansichten“ alle Bilder auf das Urbild und alle Worte auf das Wort schlechthin weisen wollen.

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