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Solide Basis, große Visionen

Der Aachener Pfarrer Christoph Stender plädiert für ein geistreiches Leben. Und für den Dialog, der Perspektiven schafft. Über die Kirche sagt er: „Sie hat Angst vor der Zukunft.“

Von Bernd Büttgens

Ja, ein ungewöhnlicher Mann. Der Aachener Pfarrer, Mentor für die Lehramtsstudierenden der Katholischen Theologie an der RWTH, Lyriker, Buchautor, Querdenker, ein Meister des geschliffenen Wortes. Geistvoll. In der katholischen Kirche, die dem 53-jährigen Christoph Stender doch so sehr am Herzen liegt, provoziert er mit seiner Art gerne Widerstand. Was liegt also näher, als mit diesem Mann des Geistes über das Geistreiche zu sprechen? An diesem Pfingstwochenende.

Den Begrüßungstext auf Stenders privater Homepage nutzen wir leicht abgewandelt, um zum Lesen des Interviews einzuladen: „Wenn Sie mal einen neuen Gedanken brauchen, oder wenn eine Provokation für Sie keine Bedrohung darstellt, wenn Sie Religion nicht fürchten, das geschliffene Wort Ihnen Freude bereitet und Sie zur Kunst einen Zugang haben“ – dann, ja dann geht’s hier weiter.

Herr Stender, lassen sie uns über das geistreiche sprechen, und erlauben sie mir die Frage, wann sie Ihre letzte wirklich geistreiche Botschaft gesendet haben?

Stender: Ich habe den Versuch gestartet, einem Menschen etwas zuzutrauen, bei dem jeder im Vorfeld geunkt hat, vergiss’ es, der kann das eh nicht, das klappt nicht!

Können Sie das konkreter benennen?

Stender: Ja. Im Kontext einer Beratung bin ich bei einer Firma auf einen jungen Mann gestoßen, dem sein Chef Leitungskompetenz übertragen hat, ohne diesem jungen Menschen klarzumachen, was das bedeutet, wie das geht, welche Dimension das haben kann. Auch der Mann selbst hat sich dieses Thema nie vergegenwärtigt. Nun aber ging’s ans Entscheiden. Und weil es nicht klappte, weil er sich nichts traute, war ich an der Reihe. Ich habe ihm die Botschaft gesendet: Haben Sie verstanden, dass Ihnen hier etwas zugetraut wird? Dass man Ihnen vertraut? Und trauen Sie sich jetzt selbst das zu, was Ihre Vorgesetzten Ihnen zutrauen? Nach einem kurzen Moment sagte er: Ja! Und das war der geistreiche Moment, in dem er Vertrauen spürte, diese Basis, auf der er sich nun wiederum vorstellen konnte, sich selbst auf den Weg zu machen.

Haben Sie lange darüber nachgedacht, wie Sie diesem jungen Mann Mut machen können?

Stender: Nein, das hat sich so ergeben. Man kann geistreiches Handeln schlecht planen. Geistreich findet statt. Punkt.

Aber geistreiches Handeln braucht eine Basis.

Stender: Ja, es braucht eine Basis und einen Horizont. Diese Basis ist eine Mischung aus Erfahrung, aus Gegebenem, Tradition und Erkenntnis, sie spielt sich in meiner Realität ab und ist der untere Rahmen für geistreiches Agieren. Der obere Rahmen, der unbedingt dazugehört, sind die Intention und die Vision. Ich brauche diese Basis, ich fuße darauf, und sie ermöglicht mir vorauszuschauen, mich hinauszuwagen, zu experimentieren. Wenn ich also einerseits immer nur auf dem Fundament stehen bleibe, mich nicht fortentwickele, nichts aus dieser Basis mache, werde ich schnell geistlos. Und andererseits ist es auch nicht geistreich, wenn ich mich ohne Fundament, ohne Grundlage nur in die Zukunft hineinträume.

Was ist dann Ihr Fundament? Ist das, weil Sie der Pfarrer sind, in erster Linie der Glaube?

Stender: Mein Geistreiches basiert auf meinem persönlichen Erleben, es ist sehr individuell. Bei mir sind das zehn Jahre Studium, Theologie, Pädagogik, Philosophie, mein 16-jähriges Wirken als Hochschulpfarrer, meine Begleitung von angehenden Religionslehrern und natürlich mein Gottesglaube. Das ist mein persönliches Fundament des Geistreichseinkönnens. Aber all die Menschen, die das nicht erlebt haben, haben deswegen nicht weniger Potenzial, geistreich zu sein und zu handeln.

Ist Ihr freier Geist, mit dem sie ja auch durchaus anecken, ergebnis zahlloser Begegnungen mit anders tickenden Menschen?

Stender: Ja, fraglos. Wenn ich als Fundament nur eine ganz klassische Theologie gehabt hätte, also ganz biederes Handwerk, ich glaube, der Rahmen für mein Handeln und Denken wäre beschnitten gewesen. Ich bin Jesuitenschüler und darauf sehr stolz.

Warum?

Stender: Die Jesuiten haben mir in der Tat ein Fundament gegeben, auf dem ich das selbstständige Denken gelernt habe, auf dem die Perspektive schon verankert war.

Sie sprechen vom Denken, von einem Fundament. Trügt der Schein, dass vielen Menschen diese geistige Auseinandersetzung, das Nachdenken über das Hier und Jetzt, verloren geht?

Stender: Die Qualität ist in der Tat eine andere geworden, das Fundament hat sich verändert. Aber ich will nicht den Fehler machen, das zu beklagen oder gar darüber zu richten. Wenn sich meine Generation noch häufig über einen zumindest kleinen gemeinsamen geisteswissenschaftlichen Nenner verständigt und dafür grundlegende Formen der Kommunikationskultur genutzt hat, ist das heute anders. Die Leute von heute haben eine ganz andere Kommunikation miteinander, was natürlich mit dem Wandel der Medien einhergeht. Sie haben handverlesene, dann aber tiefgreifende Kenntnisse in unterschiedlichsten Bereichen, der übergreifende, einordnende Blick fehlt jedoch häufig.

Sie sprechen die Medien an, die Vielzahl der Impulse, denen die jungen Leute ausgesetzt sind – da bleibt oft der Geist auf der Strecke.

Stender: Die Jüngeren sind in der Tat überflutet mit Impulsen. Und deshalb brauchen sie ein Instrumentarium, das ihnen bei der Auswahl hilft. Dieses Instrumentarium ist interessengeleitet. Darin liegt aber das Problem, weil die Leute nur das auswählen, was ihnen kurzfristig in ihrer Peergroup, in ihrem Umfeld, Punkte einbringt. Frei nach dem Motto: Ich bekomme jetzt eine Bedeutung! Da wird Wissen also nicht mehr auf Halde angelegt, es steht heute immer die Frage im Vordergrund: Was ist aktuell brauchbar, was bringt mir jetzt was?

Da fehlt die Nachhaltigkeit.

Stender: Richtig, aber jetzt sind wir wieder dabei, schlau zu sein, weil wir aus unserer Perspektive urteilen. Das wäre vermessen, hinzugehen, einem jungen Menschen auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Hör mal, an mir gemessen bist du defizitär! Ein junger Mensch kann heute geistreich agieren, auch wenn er anders tickt als ich.

Das kann ich aber nur herausfinden, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze.

Stender: Genau. Zu meinem Fundament sollte gehören, dass ich durch die Begegnung mit anderen Erkenntniszuwachs erziele. Gespräche ermöglichen das. Und wer sich darauf einlässt, der ist schon in Richtung Perspektive unterwegs. Nur auf dem eigenen Fundament zu verharren, bedeutet Stillstand. Fundamentalisten heißen nicht umsonst so. Sie sind geistlos.

Was bedeutet das für die Kirche?

Stender: Die Kirche läuft Gefahr, nur auf ihre Basis zu blicken, aus Angst vor der Zukunft schaut man viel zu sehr nur auf die Früchte vergangener, durchaus geistvoller Zeiten. Das reicht aber nicht. Die Kirche hat Angst vor der Zukunft, sie peilt diesen Horizont nicht an, weil sie den Weg dorthin, der nicht im Vorhinein bestimmbar und planbar ist, scheut. Dann schwindet die Perspektive. Das ist geistlos. Dabei können wir an der Geschichte ganz deutlich ablesen, dass die Leute, die die Kirche weitergebracht haben, geistvolle Personen waren, die sich nach vorne gewagt haben. Nehmen Sie Franziskus, nehmen Sie Benedikt, die die großen Ordensregeln gemacht haben. Die sind auf dem Fundament ihrer Kirche losgezogen und haben Perspektive gesucht! Wir brauchen die Bewahrer – dafür bin ich sehr, aber wir brauchen auch die, die etwas wagen. Der Apostel Paulus sagt: Glauben kommt vom Hören! Aber dann muss auch etwas Positives erzählt werden.

Das hört sich nach einem großen geistigen Abenteuer an.

Stender: Genau das ist es ja auch. Natürlich ist es immer mit einem Risiko verbunden, mich auf Neues einzulassen, dem Anderen zuzuhören. Ich muss loslassen können, um mich in etwas hineinzubegeben, was ich noch nicht im Griff habe, etwas, von dem ich nicht weiß, wo es hingeht.

Sie würden immer für Aufbruch plädieren?

Stender: Es gibt nichts Langweiligeres als Leute, die keine intellektuellen Abenteuer mehr eingehen. Mit Gedanken zu experimentieren, ist wunderbar. Neue Perspektiven einzunehmen, ist erhebend.

Geben sie mir doch mal eine neue Perspektive auf etwas mir sehr Vertrautes!

Stender: Nehmen wir den Aachener Dom. Ich bin sicher, dass Ihnen noch niemand erklärt hat, dass dieser Raum, wenn Sie ihn betreten, eine geistige Grundfunktion hat, nämlich die des Aufrichtens. Wenn Sie das Oktogon betreten, reagieren Sie wie jeder andere auch: Sie gucken hoch! Das richtet Sie auf, das stärkt Ihr Selbstwertgefühl. Die Botschaft des Raumes heißt, Mensch, hier wirst Du aufgerichtet, hier bist du nicht klein. Wenn ich dieses Gefühl verstärke, tut sich ein neuer Horizont auf.

Das bedeutet aber auch, sich aufzumachen, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören.

Stender: Der Tod des Geistvollen gründet in einem immer höheren Tempo. Geist braucht Platz, Zeit, er braucht Augenblicke. Geistvoll sein bedeutet immer, mit anderen in Kommunikation zu stehen. Allein im Keller ist keiner geistvoll.

Den jungen Leuten wird nachgesagt, dass sie besonders stolz darauf seien, extrem viele Dinge gleichzeitig tun zu können, oder, wie es so schön neudeutsch heißt, Multitasker zu sein. Alles sofort!

Stender: Ja, Multitasking wird von ihnen eingesetzt, um den Alltag zu managen. Tatsächlich ist es meiner Beobachtung nach so, dass die jungen Leute viel besser mit diesem Wust an Informationen und Impulsen klarkommen als wir. Aber ich will auch da keine Vorurteile aufkommen lassen: Denn ich erlebe sehr viele junge Leute, die bewusst entschleunigen, die tatsächlich miteinander reden, ihre Wahrnehmungen diskutieren und austauschen, die ihr Wissen vertiefen wollen. Wahr ist aber – und dem sind die jungen Leute dann ausgeliefert –, dass unsere Systeme diese Zeitfenster kaum mehr ermöglichen.

Worauf spielen sie an?

Stender: Zum Beispiel auf das Studium, das immer verschulter wird. Bachelor und Master – da geht es darum, das Pensum abzuspulen und eine Vorgabe nach der anderen zu erfüllen. Das System ermöglicht nicht, diese Bewegung zwischen der Basis, die sich die jungen Leute zulegen, und dem Horizont, an dem sie die Kenntnisse erproben, in Ruhe auszuführen. Kein Raum, keine Zeit – dieses Hochschulsystem ist geistlos.

Nun wollen wir das Gespräch nicht pessimistisch beschließen, sondern mit einer Ermunterung. Ich habe gelernt: Wenn die Basis stimmt, braucht es auf alle Fälle die Begegnung, den Dialog, um einen wie genau definierten Horizont zu erweitern?

Stender: Es liegt ein Risiko im Geistreichen. Den Horizont, die Perspektive können wir nicht bestimmen. Das Geistreiche muss sich entwickeln können. Wenn ich mit einem Menschen geistvoll umgehen möchte, lasse ich mich immer auf ein Abenteuer ein. Welches Ziel wir erreichen oder was am Ende steht, ist offen. Und genau darin liegt der Reichtum des Geistvollen. Im Vertrauen darauf, dass schon etwas entsteht, lasse ich mich auf andere Menschen ein.

Zur Person

  • Christoph Stender (53), katholischer Priester in Aachen, leitet im bischoflichen Auftrag das Mentorat fur Lehramtsstudierende der Katholischen Theologie an der RWTH Aachen.
  • Dort bereitet er ergänzend zur universitären Ausbildung gemeinsam mit seiner Kollegin Anita Zucketto-Debour zukunftig bis zu 500 angehende Religionslehrer auf ihre Arbeit an den Schulen vor. „Sie werden später die Frontleute der Kirche sein“, sagt Stender.
  • Stenders große Gabe ist, mit Worten aufzurütteln und zu begeistern. Unzählige Predigten, Vorträge, Radiobeiträge, Essays, Buchveröffentlichungen unterstreichen, was er von sich selber sagt: „Meine wesentliche Form der Auseinandersetzung mit all dem, was mein Leben berührt, ist das geschriebene und gesprochene Wort. Die von mir angesprochenen Themen sind so vielfältig wie all das, was in Gesellschaft, Politik und Kirche, aber auch ganz persönlich in meinem Leben vorgeht.“
  • Besondere Erwähnung sollten seine Bücher über den Aachener Dom finden, hier extra genannt sei „Domgefühl und Schatzeinsichten“ (Einhard-Verlag), mit dem Stender eine neue Generation Dombuch einläutete: Anspruchsvolle Bilder von Pit Siebigs zeigen mehr als nur Kunstgegenstände; Farben und Formen bebildern mehr als nur Vordergründiges. Liturgische Texte und literarische Essays laden ein zu einer persönlichen Auseinandersetzung. Was Stender anstößt, ist geistreich und nicht alltäglich.
Quelle: Aachener Zeitung, 11. Juni 2011

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