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Suche Frieden

Zum Leitwort des 101. Deutschen Katholikentag vorgelegt

Von Christoph Stender (Pastoralblatt 5/2018)

Frieden erst einmal so ganz ohne Emotionen! Wie das Leitwort „Suche Frieden“ des kommenden Katholikentages in Münster entstanden ist, berichtet sachlich und nüchtern die Presseabteilung des Katholikentages: „So hat es der Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in seiner Sitzung am 9. September (2016) einstimmig beschlossen. Er ist damit einem Vorschlag gefolgt, für den sich die Leitung des Katholikentags nach eingehender und konstruktiver Beratung einstimmig ausgesprochen hatte. In beiden Gremien hat gerade die Mehrdeutigkeit dieser kurzen Formulierung überzeugt: „Suche Frieden” erlaubt eine thematische Fokussierung und eröffnet zugleich die für einen Katholikentag notwendigen, unterschiedlichen Perspektiven.“[1]

Doch ist der hier beschriebene Findungsprozess des Leitwortes selbst schon eine Botschaft zum Thema des Leitwortes. Die Suche nach Frieden bedarf der Nüchternheit, der Klarheit und einer Stringenz, so wie der beschreibende Text über die Findung des Leitwortes selbst.
Frieden ist keine Angelegenheit von Träumern, Visionären oder Fantasten, allerdings ohne diese blieb eine Suche nach Frieden erfolglos.

Die einen glauben Krieg

Die vom 2. Weltkrieg direkt Betroffenen werden immer weniger. Die Erinnerung an diesen Krieg, seine Kriegstoten, die Morde die begangen wurden, an die Vertriebenen und die Spur, die sich von diesem Weltkrieg aus bis in unsere Gegenwart hineinzieht, darf nicht nur nicht verblassen, sondern muss aktive Erinnerung bleiben und immer wieder neu nachempfunden zur Erinnerung werden, durch diese Erinnerung selbst, kognitiv wie emotional.

Diese vergegenwärtigende Erinnerung muss stark sein, um gegenhalten zu können, denn der Glaube an den Krieg ist nicht tot zu kriegen. Dieser Glaube produziert weiter Glaubenskriege und solche, die mit Glauben getarnt werden, sowie jeden anderen erdenklichen Grund, Kriege zu führen.

Die Zahl derer, die durch solche Kriege aus ihrem Land vertrieben werden und nach Europa fliehen müssen nimmt zu. Selbst in Europa flammen kriegerische Auseinandersetzungen wieder auf, und die Kriegsherde und Kriegstreiber nehmen in der ganzen Welt zu. Es werden weiter und weiter Kriege geführt, bestens mit modernster Tötungstechnik ausgestattet, auch „made in Germany“.

Kommt die Konfliktlösung zwischen Menschen wirklich nicht ohne Waffengänge aus, von verbaler bis atomarer Kriegsführung?

Die anderen suchen Frieden

Dieses Leitwort aus dem Psalm 34, der dem König David zugeschrieben wird, „meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach“, ist grundlegender Imperativ und brandaktueller Hilferuf zugleich.

Es gibt derzeit kein wichtigeres Thema in der öffentlichen Debatte über Religion als das Problem der Gewalt.

Doch auch in vielen Familien, an Arbeitsplätzen, in Stadtteilen, Parteien, in Regionen und Nationen, eben überall dort, wo der Mensch als solcher nicht als eine zu schützende Gabe Gottes angenommen wird, scheitert sein Geschütztsein und Kriege greifen Raum, hervorgegangen aus Missgunst, Hass und Neid.

In seiner Hinführung zu dem Leitwort schreibt der Neutestamentler Thomas Söding „Der Friede als solcher hat nach Psalm 34 drei Dimensionen:

• Frieden mit Gott: Der Krieg mit Gott muss beendet werden. Er besteht in dem Versuch von Menschen, Gott zu spielen. Er ist besonders grausam, wenn er im Namen Gottes geführt wird. Der Friede mit Gott wird nicht dadurch gestiftet, dass sich Gott mit den Menschen versöhnt, sondern dadurch, dass die Menschen mit Gott versöhnt werden (vgl. 2 Kor 5).

• Frieden mit anderen: Der Krieg mit anderen Menschen muss beendet werden. Er besteht in der irrigen Überzeugung, auf Kosten anderer leben zu dürfen. Er ist besonders grausam, wenn er religiös motiviert ist und gerechtfertigt scheint. Die Initiative, Frieden zu stiften, liegt Psalm 34 zufolge bei den Kriegsopfern, die mit Gottes Hilfe versuchen, die Kriegstreiber zu überwinden. Innerkirchlicher, ökumenischer,
interreligiöser, gesellschaftlicher, politischer, interkultureller Frieden sind die heute zu unterscheidenden und zu verbindenden Ebenen.

• Frieden mit sich selbst: Der Krieg mit sich selbst muss beendet werden. Er besteht im Zerwürfnis mit sich selbst. Er ist besonders grausam, wenn er als Krieg Gottes gegen das eigene Ich erlebt wird. Nach Psalm 34 wächst der innere Friede dort, wo Gott die Ehre gegeben wird.“[2]

Kann Frieden gefunden werden?

Wäre es eigentlich möglich, alle Konflikte zwischen zwei Menschen, mehreren Menschen, einer größeren Gruppe von Menschen, einer Gesellschaft, in einem Volk, einem Staat, Kontinent, in der Welt, im Weltraum und ganz, ganz drinnen in mir selbst, friedlich zu lösen?

Können das Ich, das Du, das Wir, die Anderen so nahe zusammenrücken, dass kein Krieg mehr zwischen die Menschen passt, oder die Menschen so weit auseinander stehen, dass Unfriede keinen Halt mehr fände?

Soweit wir heute in unserer Menschheitsgeschichte zurückschauen können, war der Krieg andauernd eine vernichtende Kommunikationsfigur zwischen den Menschen, zwischen Ehepartnern, Geschwistern, in Familien und Gesellschaften. Krieg muss demnach „sexy“ sein! Kriege mit unterschiedlichem Vernichtungspotential also gehören, so lehrt die Geschichte, zur Daseinsbehauptung des Menschen.

Kurz und reduziert lautet die „Weltformel“ des Krieges: „Ich und nicht du!“ Irgendwie muss es Tote geben, so lehrt es des Menschen reine Existenz. Aber alle Religionen der Menschheit bis heute sind mit ihren Göttinnen und Göttern bemüht um Frieden.

Bemüht um Frieden, fand das erste Weltgebetstreffen für den Frieden im Oktober 1986 in der italienischen Stadt Assisi große Resonanz, zu dem auf Einladung Papst Johannes Pauls II. hohe Geistliche verschiedener Religionen zusammenkamen.

Repräsentative Vertreter der drei großen Buchreligionen propagieren aktuell und unablässig in den Medien ihre Friedensabsicht. Die Botschaft des christlichen Glaubens fordert in der Qualität eines Alleinstellungsmerkmals sogar: „Liebe deine Feinde“ (Mt 5,44).

Aber jede Religion hinterließ in der Vergangenheit auch Blutspuren. Einige hinterlassen auch aktuell Verletzungen, tiefe

Wunden: „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit?“

Lasst uns beten wollen[3]

Eines der häufigsten Gebetsanliegen ist die Bitte um Frieden. Immer wieder formulieren bittend, flehend und manchmal auch fast atemlos Menschen in Gottesdiensten ihre Sehnsucht nach Frieden. Über einer Milliarde Christen auf der Welt liegen fast täglich Gott in den Ohren: „Schenk uns deinen Frieden.“

Und? Hört Gott schlecht?

Vielleicht sollten wir diese Bitte betreffend einen Grundzug des Gebetes besonders stärken, nämlich den, dass das Gebet auch eine gemeinsame Einsicht in Form der Übereinkunft der Betenden zum Ausdruck bringt, so diese: In Christus ist der Friede Gottes geerdet.

Vor diesem Hintergrund ist „Suche Frieden“ kein Leitwort, das in die Irre führt oder uns irre macht oder uns vergegenwärtigt, wie irre diese Bitte ist.

Denn die, die von sich sagen „Suche Frieden“, die haben eine mutige Ahnung davon, wo Frieden zu finden ist, nämlich mitten unter uns, da in Christus der Friede Gottes geerdet ist.

Finden im Aufdecken

Wer Frieden sucht, um ihn auch finden zu wollen, der irrt nicht. Er irrt nicht, weil ihm klar ist, was aufgehoben werden muss, was im wahrsten Sinne des Wortes weggenommen und aufgedeckt werden muss, um Frieden finden zu können: Gier, Hass, Neid, Wut, Totalität, Fanatismus, Egoismus, Größenwahn … und nicht zu vergessen dieses kompromisslose kleine: „… aber ich habe recht!“

Solche friedlosen Gefühle, Behauptungen und Haltungen des Menschen begraben den von Christus gebrachten Frieden unter sich. Da, wo Menschen aufeinandertreffen, die bereit sind, den Frieden unter Kriegen egal welchen Formates zu begraben, haben sie Gräber ausgehoben, in denen sie den Frieden Gottes bestatten, der für Christen in Christus greifbar geworden ist.

Friedenssuche ist Gräbersuche, in denen der Frieden Gottes in Mitten der Welt unter Unfrieden begraben ist. Friedenssuche ist die Öffnung der Gräber, damit der von Menschen fast erwürgte Frieden Gottes wieder Atem holen kann, um auferstehen zu können.

Unter das Kreuz mit den Anfängen

Suche Frieden, das ist auch eine Willensbekundung, die von Menschen konkret ausgehen muss, persönlich und im alltäglichen Leben.

In der Mitte des 19. Jahrhundert, in der Zeit der Industrialisierung lebte Clara Fey, eine Frau die eine Ordensgemeinschaft in Aachen gründete, nur um verwahrloste Kinder von den „Kleinkriegen“ auf den Straßen wegzuholen, und ihnen eine neu Lebensperspektive zu geben. Sie sagte zu ihren Mitschwestern damals etwas, das heute total überholt klingt, aber wert ist gehört zu werden: „Das beste und unfehlbare Mittel, die Ruhe und den Frieden unserer Herzen zu bewahren, besteht darin, dass wir, sobald wir uns verwirrt und aufgeregt fühlen, zum Kreuz Jesu hingehen und dort vor ihm unser Herz beruhigen.“[4]

In wenigen Haushalten hängen heute noch Kreuze an der Wand. Aber mit dem Gedanken zu spielen, sich unter ein Kreuz zu stellen, wenn ich verwirrt und aufgeregt bin von Gedanken gegen andere Menschen und Empfindungen möglich werden, durch die Unfrieden zu wachsen
beginnt, der meine Friedenssehnsucht zu begraben droht, das ist schon ein Innehalten wert.

Ganz konkret vor (unter) das Kreuz, den Gekreuzigten sich stellen. Angesichts des Leidens Jesu, in dem Schwachheit eine neue Stärke wurde, sich Ihm stellen, Ihm zeigen, ehrlich in Gedanken und Absichten. Das hat Biss, aber erfordert Mut!

Frieden braucht Lippen und Augen

Jedes Alter kennt ein Sprechen, dem Unfrieden zugrunde liegt bzw. in dem er zum Ausdruck kommt. Ob in der Clique, der Schulklasse, in der Familie, im Job, im Sport, im Altenheim, selbst am Grab eines Menschen, Unfriede bahnt seinen Weg auch in der Sprache.

Mit dem Leitwort möchte der Katholikentag in vielen Veranstaltungen besonders junge Menschen motivieren, auch über das Ereignis eines Katholikentages hinaus, daran mitzuwirken, eine neue Kultur des Friedens im miteinander Sprechen in die Zukunft hinein zu gestalten. Kern dieser Kultur ist unbedingte Annahme und ungeschmälerte Wertschätzung. Da ist dieses Treffen schon an sich eine Botschaft, die über diese Zusammenkunft selbst hinausgehen will, weil dieses Sich-Begegnen an sich schon eine Gelegenheit ist, im Miteinander-Sprechen Frieden zu ermöglichen.

Allerdings muss auch klar gesagt werden: Ein Katholikentag funktioniert nicht im Internet, weder der in Münster, noch der kommende evangelische Kirchentag in Dortmund, auch der ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt nicht.

Solche Events sind angewiesen auf den Faktor physischer Begegnung und darauf, dass Berührung möglich sein muss.

Eine Kultur des Friedens im geteilten, im mitgeteiltem Wort muss ablesen können von Lippen, Körperhaltung, Augen und dabei den Atem des Gegenübers spüren.

Die Flüchtigkeit und Anonymität in den „sozialen Medien“ des Internet dagegen entpflichtet sich jeder Verbindlichkeit, hinein in die Beliebigkeit. Wer Frieden sucht, der kann auf die Begegnung nicht verzichten, die ermöglicht zu streicheln und zu schlagen. Die digitale Vernetzung lehrt uns ungewollt, dass physische Begegnungen eventuell auch wieder neu zu lernen sind und manches Mal auch ausgehalten werden müssen. Die wirkliche und so greifbare Begegnung ermöglicht die Gelegenheit, in denen Totengräber zu Friedensfindern werden können.

Suchbilder Frieden

Über die Bilder der Werbelinie bezogen auf das Leitwort schreibt die Presseabteilung des Katholikentages: Das Leitwort ist eine vielfältige Botschaft, „die sich nicht auf einfache Symbole reduzieren lässt. Sie ist genauso vielfältig, wie die Abbildungen, die Sie hier sehen. Es sind starke, kraftvolle Bilder.[5]

Bei der Vielfältigkeit der Bilder dieser Werbelinie, die die vielfältige Ausrichtung des Leitwortes „Suche Frieden“ zum Ausdruck bringt, ist eines gemeinsam: Sie bilden Menschen in Begegnung ab, die man „riechen kann“.

Anmerkungen:
https://www.katholikentag.de/programm/leitwort/anmerkungen_zum_leitwort.html
2 Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. https://www.katholikentag.de/programm/leitwort.html/
3 Bischof Dr. Felix Genn. Gebet für den Katholiken- tag: https://www.katholikentag.de/programm/katholikentagsgebet.html/
4 Clara Fey, Kleine Betrachtungen, 1927, 4. Band, S. 425
5 Statement von Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, zur Vorstellung der Werbelinie des 101. Deutschen Katholikentags in Münster am 20. März 2017. https://typo3kathsync.s3.amazonaws.
com/production/htdocs/fi leadmin/katholikentag/pdf/100Leipzig/Pressemappen/20170320-PKVorstellungWerbelinie/Statement_Thomas_Sternberg170315.pdf

 

 

 

Erschienen in:  Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln und Osnabrück, 5/2018, S. 131 ff
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