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Glauben ist keine Leistung

Sie passiert nicht täglich, aber immer mal wieder, und sie ereignet sich meist unerwartet: eine Offenbarung. Eine Offenbarung kann sich einstellen bei einem außergewöhnlichen Film, bei einem Konzert, das das Hören herausfordert, bei einem Festmahl, das alle Sinne bewegt, auch in einem komplexen Gespräch oder bei einem Spaziergang in paradiesischer Natur.

Offenbarung ist mehr als eine Einsicht, ein Verstehen oder eine differenzierte Denkleistung. Offenbarung geschieht im Durchblick durch die verschiedenen Komponenten der Wahrnehmung, vor dem Hintergrund von Erfahrung, im Offensein für neue Verschränkungen – und als Unerwartetes. Dieses Unerwartete ist oft gar nicht zu definieren, es ist einfach ein Mehr, so formuliert: „Das war eine Offenbarung.“ Als Offenbarung wird aber auch ein „Geheimwissen“ bezeichnet, das von einer „höheren“ Macht vermittelt wird. Diese Form der Offenbarung kann mit Erscheinungen einhergehen, muss es aber nicht. Offenbarungen erleben so Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, sozialer Kompetenz und transzendenter Ausrichtung. So „geht“ Offenbarung überall, und deshalb ist sie einer gewissen Beliebigkeit unterworfen. Nicht beliebig aber, da existentiell, ist Offenbarung Voraussetzung des christlichen Glaubens. Offenbarung, bezogen auf den Glauben, geschieht im Durchblick durch die verschiedenen Komponenten der Wahrnehmung, vor dem Hintergrund von Erfahrung, im Offensein für neue Verschränkungen – als dies alles Durchscheinendes, als Unerwartetes, als Gott.

Der Durchblick durch alles, was ist, hin auf Gott, ist ermöglicht in der Offenbarung des Jesus aus Nazareth als der Christus. Diese Offenbarung kann der Mensch sich nicht selber machen, erzwingen oder bei anderen abschauen. Christliche Offenbarung ist Gabe, gegebener Glaube, Gnadengeschenk.

Das hört sich trocken, fromm, und mega out an. Aber woher kam denn damals, mit Petrus, und heute, mit uns, die Antwort auf die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Ist es mein Können, meine Leistung zu antworten: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16)? Oder sind wir nicht wie auch Petrus diejenigen, die sich sagen lassen müssen: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,17)? Glauben zu können ist keine Eigenleistung, sondern die Gabe, auf das Anklopfen Gottes zu antworten. Diesem Anklopfen Gottes allerdings müssen wir Raum geben, uns auf sein Anklopfen hin öffnen wollen. Glaube ist nicht Leistung. Diese Offenbarung lässt anders, vielleicht auch irritierter, neu über Gott nachdenken.

Erschienen in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 26./27. August 2017
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Wer wagt, der gewinnt

Von Michael Lejeune und Christoph Stender

Sechs Ordensschwestern aus Aachen entschließen sich 1932, ihre Arbeit nach Indonesien zu tragen. Aus einer Reise wird die Zukunft vieler Kinder.

 

An runden Geburtstagen, bei einschneidenden Ereignissen, aber auch in Krisen schleicht sich oft diese Frage an: Soll dein Leben so weiterlaufen, oder ist noch eine Wendung gewollt? Kurz gesagt:
„War‘s das oder kommt da noch was?“ Am 6. Mai 1932 war für sechs junge Frauen klar, dass eine Lebenswende beginnt, die sie bewusst eröffneten mit dem ersten Schritt auf einen Ozeandampfer  – Ziel ihrer Passage: Indonesien. In Gedanken malten sie sich das noch Unbekannte ihres Zieles aus, als sich auf dem Schiff für sie schon Fremdartiges ereignete. In ihrem ersten Brief an die Daheimgebliebenen berichten sie: „Man scheint die kommende Wärme zu erwarten, denn schon heute Morgen erschien ein großer Teil der Damen in ganz freier Toilette, ohne Ärmel und mit tief ausgeschnittenem Hals. Wir haben so alle den Eindruck, dass das Leben auf einem großen Schiff mit dem modernsten Leben der Großstadt gleichsteht. Da passt eine Schwester von armen Kinde Jesus nun einmal nicht hinein. Wir halten uns denn auch so viel wie möglich für uns allein …“

Mit dem Verlassen des Ozeandampfers standen diese „auffallend gekleideten“ Ordensfrauen in ihrer neuen Welt, gespannt, etwas nervös und in freudiger Erwartung auf die Menschen, besonders die Kinder. Kleidung kann noch immer Ausdruck unterschiedlicher Lebensentwürfe sein. Die Schwestern in ihrem damaligen Habit mit weißer Haube und schwarzem Schleier standen für einen existenziell mit Gott verbundenen Lebensentwurf. Diese Bindung war für Clara Fey, Gründerin der Genossenschaft Schwestern vom armen Kinde Jesus (PIJ Congregatio Pauperis Infantis Jesus), das Fundament ihrer Gemeinschaft. Darin eingebettet ist bis heute die Sorgeumdas arme, vernachlässigte und schutzlose Kind. Solcher Kinderarmut ist Clara Fey in ihrer Heimatstadt Aachen selbst noch an jeder Ecke begegnet. Sie gründete mit drei Freundinnen 1844 ihren Orden PIJ, um dieser Armut, eine Auswirkung der Industrialisierung, entgegenzuwirken. Ihr Ziel war es,  perspektivlosen Kindern Bildung, Kleidung, Nahrung und Gottvertrauen zu ermöglichen.

Der Bischof von Malang in Indonesien erfuhr von diesem Engagement und bat die Schwestern, auch für „seine“ armen Kinder in Pasuruan da zu sein. So begannen sie, ihre erste Niederlassung in Indonesien zu errichten. Von diesen ersten Tagen berichtet eine der Schwestern: „Ich brauch nicht zu verhehlen, dass unser Leben hier ein reiches Opferleben ist, wenn ich nur an all das  Ungemach des Klimas, der Hitze und der Tiere denke (…).“ Doch die Schwestern ließen sich nicht unterkriegen. Ein Besuch eines Teils der Einrichtungen der Schwestern in Indonesien zeigt, was nach 85 Jahren aus der Holländisch-Chinesischen Schule mit damals 40 Kindern geworden ist. Was damals erstaunlich aber klein begann, ist bis heute zu einem großenWerk gewachsen, mit etwa 80 einzelnen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Internaten. In 28 Lebensgemeinschaften wirken 150 Schwestern, darunter auch muslimische Kräfte, zusammen. Der größere Teil der dort unterrichteten Schüler sind ebenfalls Muslime. Neben der Vermittlung von Wissen, werden auch ihre musischen und sportlichen Qualifikationen sowie fairer Wettbewerb und soziale Kompetenzen gefördert. Damals wie heute steht die Begegnung mit dem Kind als Individuum im Mittelpunkt ihrer Pädagogik. Besonders Kinder mit Einschränkungen werden individuell betreut, um keines der Talente ungefördert zu lassen. Die Präsenz und die Wirkweise der Schwestern sind in die Kultur und Natur des Landes hineingewachsen.

Bauern unter Druck der Industrie

Ihr Engagement wächst weiter in einem Land mit 200 Millionen, meist der sunnitischen Richtung des Islams zugehörigen Muslimen. Indonesien hat damit den weltweit größten muslimischen  Bevölkerungsanteil. Von den neun Prozent Christen im Lande sind drei Prozent römisch-katholisch. Armut bestimmt das Leben vieler Familien besonders auch auf dem Land. Dort ändern sich  weite Teile der Landschaft mit ihrem Regenwald merklich zu einem Schlachtfeld, auf dem Kilometer weit Palmen „aufgestellt“ sind wie ein Heer von Soldaten. Ihr Gegner die Kleinbauern, die  unter Druck ihr Land an die Palmölindustrie verkaufen, um zum Beispiel ihren Kindern ein Statussymbol wie das Motorrad zu finanzieren. Infolgedessen arbeiten die Bauern auf ihrem ehemals eigenen Land nun als von der Industrie abhängige „Fremdarbeiter“. Ein Ende der Schlachtfelder dieser Monokulturen ist nicht absehbar, da die Welt zunehmend Palmöl braucht in Lebensmitteln und besonders in Kosmetikartikeln. Das treibt den Export an, der den Raubbau am Regenwald zur Folge hat und gewiss die Armut von Kindern. Viele der Christen unter den Indonesiern fühlen sich auch heute noch den Traditionen und Ritualen der heimatlichen Naturreligionen verbunden. Eine junge Schwester berichtet aktuell von Jugendlichen in Simpang Dua, deren Glaube nicht tief genug sei. „Immer wieder spielen ältere Stammesreligionen mit ihren Kulturen aus dieser Gegend eine Rolle, die sich mit dem christlichen Glauben und der Frömmigkeit vermengen. Fetische gibt es wohl nicht aber immer mal wieder einen Fluch.“

Religion und Kultur im Austausch

Ein offen ausgesprochener Fluch kann soziale Exklusion bedeuten, egal welcher Religion man angehört. Die Schwestern wollen soziale Bezüge stärken. Voraussetzung dafür ist die gegenseitige Wertschätzung aller Religionen des Landes. Mission bedeutet für sie zwar den eigenen Glauben öffentlich konkret zu leben. Gleichzeitig arbeiten sie aber in ihren Einrichtungen auch mit  Muslimen zusammen – ein Miteinander in Verschiedenheit, das allen dient. Einige der jungen Frauen, die heute einen ersten Schritt in die Ordensgemeinschaft setzen, stammen aus mittellosen Familien und haben unterschiedliche religiöse Hintergründe. Über 30 junge Frauen erproben aktuell, ob ihre Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Schwestern eine dauerhafte Lebenswende für sie bedeuten kann, in der sie ihre Beziehung zu Gott und besonders zu den Kindern weiter entfalten können.

Erschienen in: Aachener Zeitung vom 22. Juli 2017
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Auf dem Leib tragen, was trägt

Zur liturgischen Kleidung

von Michael Lejeune und Christoph Stender

1. Sich anziehen und ausziehen, ein tägliches Ritual

„Wo komme ich her, wo gehe ich hin und was ziehe ich dazu an?“ So „eingekleidet“ kommt mitunter eine der Grundfragen des einzelnen Menschen bzw. der ganzen Menschheit daher. Zwischen diesem „Wo komme ich her?“ und „Wo gehe ich hin?“ stehen wir täglich vor unserem oft reich bestückten Kleiderschrank und versuchen dort eine Antwort auf diese den Menschen bewegende Frage situationsbedingtzu finden: „Und was ziehe ich dazu an?“ Es sind Situationen und Befindlichkeiten, die die Auswahl unserer Bekleidung in der Regel lenken: Gemeinschaftsorientiert soll unsere Kleidung anziehend sein, arbeitsbedingt praktisch, um zu feiern festlich, um zu trauern bedeckt, beim Sport locker oder im Gericht seriös … Kleidung kann aussagen: Ich bin wichtig, ich habe Macht. ich bin verkleidet, ich kann mir etwas leisten, ich schlüpfe in eine Rolle, oder ich bekleide ein Amt. Ja, oft trifft noch zu, was Gottfried Keller in seiner gleichnamigen Novelle formuliert hat: „Kleider machen Leute“. Kleider machen aber auch Ordnungen und Ränge kenntlich, besonders in ausgeprägten, aber sehr verschiedenen Hierarchien, wie im Militär, in der Polizei und auch in den großen christlichen Kirchen und ihren Zeremonien. Dabei kehrt ein Ritual verlässlich immer wieder, unabhängig davon, welche Kleidung wir angelegt haben: das Ritual, sich zu entkleiden und zu bekleiden. Sich immer wieder auszuziehen, und sich dann in Folge auch immer wieder anzuziehen ist nicht nur eine fast „bewusstlose“ rituelle Prozedur, sondern auch Ausdruck der Eigenständigkeit, innerhalb der Begrenztheit, sonst nackt zu bleiben. Sich selbst nicht mehr an- oder ausziehen zu können, das Ritual also nicht mehr eigenständig zu vollziehen, ist  gravierender Verlust von Eigenständigkeit. Dieses alltägliche Ritual ist Grund und gleichzeitig Folge des Bekleidetseins des Menschen, da er zutiefst nackt ist, und dies auch im Letzten bleibt,  wider alle Bekleidung, inklusive Leichentuch.

2. Kleidung, „Sakrament der Unvollkommenheit“

Das Märchen von des „Kaisers neuen Kleidern“ (Hans Christian Andersen) hätten Adam und Eva im Paradies nicht erfinden können, da sie selber ja nicht wussten, was es bedeutet, nackt zu sein.  Erst voranschreitende Erkenntnis, der Biss in den Apfel, die verbotene Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse, ließ sie in Folge wissen, was es bedeutet, nackt zu sein, und aufgrund dieses Nacktseins Scham zu empfinden. Dem existentiellen Bedürfnis des Menschen, konkret hier Adam und Eva, die erkannte Nacktheit nun bedecken zu wollen, kam Gott mit dem „Geschenk“ des „Fellkleides“ (Gen 3,21) entgegen, und so nahm die Geschichte des sich An- und Ausziehens des sterblichen Menschen zwischen Geburt und Tod ihren Lauf. Durch dieses „Gottesgeschenk“, wird die Bekleidung [1] des Menschen zu einem Ausdruck der ihm von Gott verliehenen Würde. Zugleich ist die Bekleidung Gegenstand permanenter Erinnerung an den menschlichen Ungehorsam, sowie an den damit verbundenen Verlust des Paradieses, der sorgenlosen Nacktheit. Kleidung ist so betrachtet ein aus dem gierigen Verhalten des Menschen erwachsenes Zeichen seiner Selbstüberschätzung.

Gleichzeitig ist die Kleidung ein Zeichen göttlicher Barmherzigkeit, der diese dem Menschen zum Schutz umgelegt hat. Etwas überspitzt formuliert kann Kleidung betrachtet werden als „ein Sakrament der menschlichen Unvollkommenheit.“ [2] Vor diesem Hintergrund ist jeder Blick in den Kleiderschrank ein Bußakt ob des verlorenen Paradieses.

3. Kleidung ein Recht

Paradies ist auch ein Synonym für Unterschiedslosigkeit. Durch die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies konnte sich erst der Unterschied von Natur und Kultur entwickeln. Die „Geburt“ der Unterscheidung von Natur und Kultur und deren begriffliche Fassung durch den Menschen ist anzusiedeln um den Beginn des sich selbst Bekleidens des Menschen. Kleidung ist durch den Verlust der „positiven“ Nacktheit, in Folge des verloren gegangenen Paradieses, in der darauf folgenden Geschichte der Menschheit, als Akt der Barmherzigkeit Gottes und der ihr innewohnenden Verleihung der Menschenwürde zum verbrieften Menschenrecht gereift. Der Mensch hat das Recht, bekleidet zu sein. Aus dem 7. Jh. vor Christus belegt eine beschriftete Tonscherbe das Anrecht eines Taglöhners, das einzige Gewand, welches er als Pfand ablegte und so nackt war, zurück zu fordern. Ex 22,25f. forderte dieser Tradition folgend ausreichende Kleidung als Menschenrecht
ein (vgl. Dtn 24,12f.): „Nimmst du den Mantel deines Nächsten zum Pfand, so sollst du ihm diesen vor Sonnenuntergang zurückgeben. Denn er ist seine einzige Decke, die Hülle für seine nackte Haut. Worin sonst soll er sich schlafen legen?“ Dieses Recht auf Würde, das sich im Tragen von Kleidung nach außen hin zum Ausdruck bringt, greift der Evangelist Matthäus auf wenn er Jesus zitiert, der mit Blick auf den Gerechten sagt: „Ich war nackt und ihr habt mich bekleidet“ (Mt 25.35f). Die Bedeutung der Würde des Menschen, die zum Ausdruck kommt in seinem Nichtnackt-
sein-Müssen, greift auch der Artikel 25 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ auf, der das Recht auf Kleidung formuliert.

4. Das Gewand im alten Orient

Gewand, Teil der „Lebenstrias“

Über Jahrhunderte hinweg wurde als existenzstabilisierend des menschlichen Lebens die Trias von Brot, Kleid und Öl betrachtet. Der jüdische Gelehrte Jesus Sirach schreibt im 2. Jh. v. Christus: „Das Wichtigste zum Leben sind Brot und Wasser, Kleidung (Gewand) und Wohnung, um die Blöße zu bedecken“ (Sir 29,21). In dem alten palästinischen Sprichwort, „Baumwollkleid und voller Bauch, eine Gnade Gottes“ klingt dieser Anspruch in die Gegenwart.

Gewand, Ausdruck von Kraft

Gilgamesch, auf seiner Sinnsuche in seinem Leben von einem Löwen bedroht, tötet ihn und streift sich sein Fell über. Mit dieser „neuen“ Gewandung aus der Haut (Fell) des Löwen, so seine Wahrnehmung, übernimmt er auch die Kraft und Wildheit des von ihm erlegten Tieres.

Gewand, Auszeichnung

Ein Gewand, genauer ein Ärmelrock bewegt die Biographien von Geschwistern, so im Alten Testament beschrieben: „Israel aber liebte Josef mehr als alle seine anderen Söhne, weil er ihm erst im Alter geboren worden war, und er machte ihm einen Ärmelrock“ (Gen 37,3). Diese Geschichte erzählt vom Neid und dem daraus resultierenden Hass der Brüder des Josefs, die den „Kleinen“, als vom Vater ausgezeichnet durch bevorzugte Kleidung, in einem Gewaltakt entkleideten und so nackt in die die Sklaverei hinein erniedrigten.

Gewand, Informationsträger

Der Saum eines Gewandes konnte von hoher Bedeutung sein. Zum einen bedeutete das Ergreifen des Saumes eines Gewandes sich dem Träger des Gewandes unterzuordnen, bzw. Schutz bei ihm zu suchen (1 Sam 15,27f). Das Abschneiden des Saumes informierte über einen Loyalitätsbruch. In Mesopotamien wurde durch das Abschneiden des Saumes eine Scheidung besiegelt. [3] Der Saum des Gewandes konnte aber auch durch seine Gestaltung Auskunft geben über den Status der Person, dessen Mantel der Saum auszeichnete. An ihm ließ sich ablesen, von welchem Dorf oder Clan diese Person stammte, welcher Volkszugehörigkeit sie war und welchem Stand sie angehörte. Ein Stück des Saumes in eine frische Tontafel gedrückt diente auch als Absender bzw. Autorisierung eines Dokumentes, ähnlich wie das später ein Siegel gewährleistete. [4]

5. Vom alltäglichen an- und ausziehen

Das Leben der meisten Menschen ereignet sich zwischen Nacktheit und deren Bekleidung, bzw. zwischen Angezogensein und sich Entblößen zur Nacktheit. Kleidung bedeckt (einen dicken Bauch …), verbirgt (eine Narbe …), schützt (vor übergriffigen Blicken …), verdeckt (das Kopfhaar …), hält fest (die Körperwärme …), bezeichnet (einen Rang …), verweist (soziale Situation …), täuscht  (ungerechtfertigte Aneignung …), spielt (mit der Wahrnehmung …), vermittelt (Lebensgefühl …), verhindert (die Nacktheit …), spiegelt (Ohnmacht …), erhebt (den, der sie nicht trägt …),  unterstreicht (Körperkonturen …) u.v.m. Und immer wieder wird sie abgelegt, ausgetauscht, bewusst vernichtet oder auch weggeschmissen. Kleidung ist Instrument in Sachen Moden, Politik, Uniformierung, Unterwerfung, Demütigung, Wertschätzung, Wandel … Kleidung kann ein „Chamäleon“ sein, wie die Geschichte der Mode belegt. Nach den Weltkriegen war ein Loch in der Hose, auch wenn es gestopft war, ein Zeichen fehlender Möglichkeiten (soziale Haut). Heute ist ein Loch in der Hose ein modisches Accessoire, mit Aufpreis zu haben. Das Ankleiden und Auskleiden des Menschen ist nicht nur alltäglicher Ritus, sondern auch ritueller Alltag.

6. Liturgisch darüber gezogen

Im wahrsten Sinne des Wortes darüber gezogen kommt die liturgische Kleidung im Gottesdienst daher. Liturgische Kleidung wird über die Kleidung des Alltags gelegt entsprechend dem liturgisch gefeierten Festkreis der Kirche, gebührend der Trauer des Menschen, oder seiner Freude angemessen. Liturgische Kleidung weist darüber hinaus auch auf die Position hin, die die jeweiligen Personen in der Liturgie innehaben. In den folgenden Überlegungen geht es um einen Akzent, den alle liturgische Kleidung (Paramente) gemeinsam haben, und der sich aus ihrem lateinischen Fachbegriff erschließt. Parament kommt von dem lateinischen Begriff „parare“ und bedeutet sich bereiten, „fertig“ machen, sich auf eine besondere Tätigkeit ausrichten. Die vor der Liturgie bzw. in der Liturgie angelegten liturgischen Gewänder bereiten Personen zu ihrem besonderen liturgischen Dienst.

Diese Dienste wurden und werden von der Gemeinschaft der Kirche im Geiste Jesu Christi ermöglicht, sind strukturell eingebettet in die Sendung der Kirche, und werden allgemein durch sie, beziehungsweise speziell mit einer Weihe in ihr „vergeben“. In den jungen Gemeinden der Anfänge des Christentums, die der Weisung Jesu folgend die Eucharistie feierten, versammelten sich die Christinnen und Christen in privaten Häusern um einen Tisch, an dem auch im Kreise der Familie und weiterer Sippschaft das tägliche Sättigungsmahl eingenommen wurde. Es ist davon auszugehen [5], dass es in der Entstehungszeit der jungen Gemeinden, den ersten 4 Jahrhunderten, noch keine besondere liturgische Kleidung gegeben hat. Die „profane“, alltägliche Kleidung der
Spätantike bestand für Frauen wie für Männer in der Regel aus einem Untergewand (Tunika) und einem Obergewand (Toga). Diese Gewandung bestand aus rechteckigen Stoffstücken früher aus Wolle, später dann aus Leinen. Die Tunika wurde meist „ärmellos“ angelegt, mit einem Lederriemen gegürtet, bei Männern in Kniehöhe, bei Frauen länger und bei Soldaten kürzer, und auf der
Schulter zusammengenestelt. Erst ab dem 4. Jh. begann sich eine liturgische (sakrale) Kleidung herauszubilden beginnend dadurch, dass die Vorsteher zur Gabenbereitung z.B. über die (profane) Alltagskleidung ein zusätzliches Gewand legten. Im Umfeld der konstantinischen Wende und der damit verbundenen neuen Öffentlichkeit der Liturgien prägte sich immer mehr das liturgische Gewand aus, anfänglich besonders bezogen auf die Person des Vorstehers bzw. der Vorsteherin.

7. Neue liturgische Gewänder

Mit der Zunahme der unterschiedlichen Dienste und Dienstformen in der Liturgie und der sie bekleidenden Personen, entfaltete sich auch die liturgische Kleidung weiter. Diese Entwicklung hält bis heute an, und damit geht die Frage einher, welches liturgische Gewand für wen und welchen Dienst angemessen ist, dabei ist darauf zu achten, dass ein neues liturgisches Gewand sich harmonisch einfügt in die aus der Tradition erwachsene Paramentik, aber auch über sie in die Zukunft hinausweist. Die katholische Kirche nimmt auch zunehmend den ihr zuteilgewordenen Reichtum wahr, der sich ihr in engagierten weiblichen Mitgliedern offenbart, und „entfaltet“ sich, so dass mehr und mehr liturgische Dienste für Frauen zugänglich werden. So agieren sie als Leiterinnen in Wortgottesfeiern mit Kommunionausteilung, als Kommunionhelferinnen in der Eucharistiefeier, als Lektorinnen, Kantorinnen und Ministrantinnen. Darüber hinaus bringen sie auch die Kommunion zu den Kranken und engagieren sich im Beerdigungsdienst.

8. Die „angemessene“ liturgische Gewandung

Die entfaltete Präsenz der Frauen in der Liturgie verlangt nach angemessener Kleidung. Manche in der Liturgie Agierende, z.B. Lektoren oder Kommunionhelferinnen, plädieren für die zivile (profane) Kleidung im Altarraum. Andere in der Liturgie Verantwortliche „stecken“ Lektorinnen wie Kommunionhelfer gleichermaßen in alte Chormäntel oder Kaseln. Beides scheint keine absolute Lösung in der Frage nach angemessener Kleidung zu sein. Grundsätzlich sind wir der Überzeugung, dass jede Person, die in der Liturgie mit einer besonderen Funktion betraut ist, mit
einem liturgischen Gewand „ausgezeichnet“ sein sollte. Ausgezeichnet aber nicht im Sinne, als etwas Besonderes ausgegrenzt, von der Gemeinde abgehoben zu sein, sondern ausgezeichnet als im Dienst eingegrenzt in die Gleichwertigkeit der miteinander feiernden Gemeinde. Angemessene liturgische Kleidung für Laien (und Priester) zu finden ist ein Anliegen, das in der Gemeinde  wachsen muss, um von der Gemeinde mit-getragen werden zu können. In einem angemessenen liturgischen Gewand kommt so nicht nur die besondere Funktion zum Ausdruck, sondern auch das Hervorgehobensein durch den besonderen Dienst als gesandt von der Gemeinde und in dessen Auftrag dienend an dem Altar des Wortes und des Mahles. Der in der Liturgie Engagierte soll nicht uniformiert sein, er soll einladen, die Gemeinde sich ebenso wie er einzubringen. Jeder Gemeinde steht es frei, welche Form sie wählt, den Laien einzukleiden; wichtig ist jedoch ein  vorhergehender innergemeindlicher Diskurs, eine gemeinsame Entscheidung, die Einigung auf etwas neu zu Entwerfendes oder etwas schon lange in der Gemeinde Beheimatetes. Die liturgische
Kleidung darf nur nicht exklusiv sein, sie dient nicht allein dazu auszuzeichnen, sondern einzuladen: einzuladen, sich ebenfalls in der Liturgie zu engagieren; einzuladen, sich eben auch dieses Gewand überzustreifen und damit in einer Reihe von engagierten Christinnen und Christen zu stehen, die Gemeindearbeit verrichten. Diese Kleidung braucht nicht dem Anspruch zu genügen, universal einsetzbar zu sein.

9. Christus das Untergewand

Der Grundentwurf eines jeden liturgischen Gewandes ist das „Taufkleid“ als „Untergewand“, das sich „entfaltet“ in das Gewand des besonderen liturgischen Dienstes. In der Taufe zieht der Täufling Christus an! So formuliert die Taufliturgie: „N., dieses Weiße Kleid soll dir ein Zeichen dafür sein, dass du in der Taufe neugeschaffen worden bist und – wie die Schrift sagt – Christus angezogen hast. Bewahre diese Würde für das ewige Leben.“ Doch wie ist das zu verstehen, Christus anzuziehen? Christus anziehen ist nicht dem damaligen orientalischen Verständnis vom Kleid
bzw. dessen Saum gemäß zu verstehen als angelegt, übergeworfen, berührt, gestreift sein oder als Auskunft über Herkunft und Stand einer Person. Auch Begriffe wie „etwas geht unter die Haut“, oder wie „eine zweite Haut haben“ sind nur Annäherungen an das fast Unaussprechliche, das sich in der Taufe vollzieht. Jesus in der Taufe anziehen ist nicht oberflächlich zu verstehen, sondern muss existentiell verstanden werden. Da „vermengt“ sich etwas mit der Haut, „zieht in sie ein“ und durchwirkt jede Faser des Leibes! Wenn wir einmal die grundlegende Funktion einer Jacke, eines Mantels oder eines Gewandes nachempfinden, dann wird klar, dass diese Kleidungstücke vor Kälte schützen, also wärmen sollen. Nun führt ein Kleidungsstück primär dem Körper keine zusätzliche Wärme hinzu, sondern die eigene Körperwärme soll so gut es geht durch sie gehalten werden. Mit der Taufe haben wir Christus angezogen, der überlebensspendende Wärme ist, die auch gleichzeitig durch Ihn in uns gehalten wird. Anders formuliert: Wir haben in der Taufe den angezogen, der uns von innen her immer wieder, kontinuierlich anzieht und durchwoben hat mit dem „Überleben“ in ihm. In der Taufe durchwirkt Christus den Menschen, wie ein Stoff, der nur deshalb Stoff ist, weil er von vielen Fäden durchwirkt „haltbar“ ist. Das bedeutet nicht, dass  Christus von uns Besitzt ergreift, er uns den Mantel der Abhängigkeit umwirft und so des Menschen Freiheit gering schätzt. Die Taufe macht frei auf Christus hin, der den Menschen durchwirkt und ihn so als Durchwirkten verstehen und handeln lässt (im Heiligen Geist).

Die Wärme, die Christus ist, den wir in der Taufe „angezogen“ haben, müssen wir aber auch halten wollen, also das „Taufkleid in uns pflegen“. Die weiße Farbe des Taufkleides steht für ein Reinheit, die mit Christus uns durchzieht, wie jeder einzelne Faden eines Tuches, das zum Tuch erst werden kann weil Fäden es durchwirken. Ablegen können wir aber das einmal Angezogensein durch Christus nicht (Charakter indelebilis/untilgbares Prägemal), weil er sich in unsere Existenz eingewoben hat ohne eine Naht, die der Mensch von sich aus auflösen könnte.

10. Getragen von innen nach außen

Wie das Kleid, nach dem Verlust des Paradieses vom Menschen entdeckt, in der Antike des Menschen Würde bezeichnet, so bezeichnet unser Angezogensein durch Christus eine neue Würde, die uns untereinander als Getaufte gleich betroffen sein lässt. „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ,einer’ in Christus Jesus“ (Gal 3,27f). Das Taufkleid, diesen Christus, angezogen zu haben ist quasi der Leibrock, das Untergewand, über das der Getaufte alle anderen Kleidungsstücke überzieht. Ob es der wärmende Wintermantel ist, die modisch durchlöchert Jeans, die luftige Bluse oder auch nur die Badehose, darunter tragen wir immer das Angezogensein mit Christus, unser „Unterhemd“. So ist jedes liturgische Gewand von innen nach außen zu tragen. Jedes neu zu gestaltende liturgische Gewand ist eine Entfaltung des in der Taufe Christus „angezogen Habens“, das, unter aller Bekleidung getragen, nicht mehr abgelegt werden kann. Das liturgische Gewand selbst ist wie jedes andere Kleidungsstück auch dem Ritual des An- und Ausziehens unterworfen. So ist es einerseits sinnvoll, liturgische Kleidung vor dem Gottesdienst anzulegen und die liturgische Feier zu eröffnen mit dem Einzug der Liturgen, Aber auch während der Liturgie können liturgische Gewänder an und wieder abgelegt werden als ein punktuelles Agieren. Liturgische Kleidung, unabhängig davon, wann sie in der Liturgie der  Gemeinde angelegt ist, ist nur dann tragfähig, wenn der, der sie trägt, grundsätzlich von Christus eingekleidet ist in der die Christen verbindenden Taufe. So könnte beispielsweise ein Lektor in der
Liturgie aus der Gemeinde heraustreten, als ein Zeichen, durch die Gemeinde gesandt zu sein, eine liturgische Gewandung anlegen und nach der Erfüllung seines Dienstes diese wieder in der Liturgie ablegen. Allen Überlegungen liturgische Gewänder betreffend liegt eines zugrunde, Christinnen und Christen tragen ein Gewand, von innen nach außen, Christus!

 

Anmerkungen:

  1. Siehe:Kleidung und deren Bedeutung ist kulturgeschichtlich differenziert wahrzunehmen und in dem Maße, wie sie den Körper des Menschen bedeckt oder auch nicht, unterschiedlich bewertet.
  2. Thomas Staubli, Kleider in Biblischer Zeit. Stuttgart 2012, S. 11.
  3. Vgl. Staubli, Kleider, S. 78.
  4. Vgl. A. a. O. S. 15.
  5. Klara Antons, Paramente – Dimensionen der Zeichengestalt. Regensburg 1999, S.17ff.
Erschienen in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück. J.P. Bachem Verlag GmbH. Juli 07/2017
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Wenn Orten der Erinnerung die Erinnerung abhanden kommt

Umgewidmete Kirchen als Orte christlicher Identitätsbildung?

Der erste Ortsverlust der Menschheit „Dumm gelaufen“ hätte man ihnen spöttisch hinterherrufen können. Gemeint sind Adam und Eva, als sie fast beiläufig, bedingt durch einen aus ihrer Perspektive „klein“ wirkenden Regelverstoß, die existentielle Erfahrung machen mussten, ihren Ort des Lebens verloren zu haben, den Garten Eden, das Paradies. Doch erst durch den Verlust des „Ortes“ haben Adam und Eva überhaupt erkennen können, einen „Ort“ gehabt zu haben, und ihn, allerdings erst im Verlust, wohl wertgeschätzt. Die Vertreibung aus dem Paradies, reduziert nur auf den Weg aus dem Paradies, kann so auf den Punkt gebracht werden: Im Verlust des „ersten Ortes der Menschheit“ hat der Mensch Ortskenntnis erlangt. Tja, „dumm gelaufen“, hätte ihnen nachgerufen werden können, wenn es da jemanden gegeben hätte, der hätte rufen können, außer Gott, aber solch ein Rufer hätte ja schon im Paradies die Erkenntnis besessen, vor Ort zu sein.

Die Geschichte des Menschen beginnt also in seiner biblischen Verdichtung der Genesis mit dem Verlust des Ortes und der Erkenntnis, dass es ihn gibt. Seitdem lebt der Mensch mit seiner  Vergänglichkeit in „Raum und Zeit“, wissend um sein Ortsgebundensein, alltäglich von Ort zu Ort. So spannt sich das Leben eines Menschen ortsbezogen aus zwischen seinem individuellen Da-sein und seinem nicht mehr Dasein.

Die biblische Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies bezeichnet damit einen realen Ort, einen, der mit allen Sinnen des Menschen erlebbar war. Damit ist aber die Deutung dieser Erzählung längst nicht erschöpft, worauf ich aber hier nicht weiter eingehen werde, da es hier um das Thema Ort und dessen Verlust im besonderen gehen wird.

Leben ist ortsgebunden

Physische Orte sind „begehbare Ereignisse“ die den Menschen u.a. hören, schmecken und riechen lassen, an denen er den Wind spürt, sich den Knöchel verstauchen kann und vielleicht geküsst  wird, so richtig …. Orte sind Voraussetzung für die alltäglich aktuellen Lebensvollzüge, aber auch die Verortung vergangener Ereignisse. Unser Leben und damit verbunden auch unsere Erinnerungen sind an Orte gebunden. Wir brauchen physische Orte (Gedenkstätten, Wallfahrtsorte oder Denkmahle) der Erinnerung z.B. an unsere Vorfahren um aus unsere Geschichte Gegenwart und Zukunft klarer deuten zu können, Orte also der Fassbarkeit, der „Anfassbarkeit“ vergangener Menschen, bzw. dessen, was ihnen widerfahren ist und mit ihnen einer Gesellschaft oder Gruppen.

Herkunft des Begriffes Ort

Der Begriff Ort ist abzugrenzen von dem Wort Stelle, das sich vom Verb stellen herleitet; vom Wort Platz, das mittelalterlich geprägt für freien Raum steht; und von dem Wort Fleck, das Stücke aus einem Material bezeichnet. Umgangssprachlich werden die Worte Ort, Stelle, Platz und Flecken oft bedeutungsnah verwandt. [1] Diese Bezeichnungen allerdings werden der Bedeutung des Begriffes Ort nicht gerecht.

Der belegte literarische Erstgebrauch des Begriffes Ort findet sich in dem Hildebrandslied [2] in althochdeutscher Sprache [3]: Hildebrand und Hadubrand standen sich gegenüber: „Ort widar orte“, das bedeutet „Speerspitze gegen Speerspitze“. Umgangssprachlich ist dieser Ursprung noch in Redewendungen erhalten, so arbeitet z. B. der Bergmann an der Spitze eines Stollen unter Tage „vor Ort“. [4]

Geburt- und Sterbeort, Zuspitzungen des Lebens

Zwei Orte gehören zu jeder menschlichen Existenz, an denen sich das Leben zuspitzt. Einmal die Zuspitzung des Lebens aus dem Mutterleib heraus in der Geburt und dann die Zuspitzung des Lebens aus dem Leben hinaus in den Tod. Die Bedeutung des jeweiligen Ortes für den dort geborenen Menschen bewegt sich zwischen identitätsstiftend und belanglos. Auch ist der Ort des Gestorbenseins in der Wahrnehmung der Hinterbliebenen von unterschiedlicher Bedeutung zwischen identitätsstiftend und belanglos. Zwischen diesen beiden allgemeinen Orten menschlichen Daseins, dem Geburtsort und dem Sterbeort, verortet sich das Leben des Menschen.

Kategorie: Erinnerungsorte

Eine Kategorie von Orten zeichnet den Menschen gegenüber anderen Lebewesen besonders aus, die Orte persönlichen bzw. kollektiven sich Erinnerns. Nicht rein persönlich geprägte Erinnerungsorte dienen als „langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität“ [5] dem Menschen.

Viele Konzepte des „organisierten“ sich Erinnerns betonen die Verortung von Erinnerungen im Raum. Pierre Nora hebt hervor, dass sich kollektive Erinnerungen in irgendetwas, sei es in einem Ort, einer Persönlichkeit, einer  mythischen Gestalt, einem Ritual, einem Brauch oder einem Symbol manifestieren. [6] Besonders die gemeinschaftliche Erinnerung bedarf immer eines Ortes, der als solcher das vergegenwärtigt dessen es sich zu erinnern gilt, oder aber eines beliebigen Ortes, an dem durch Personen, Rituale etc. Erinnerung geschieht. Orte bringen die Erinnerung auf den Punkt, der Ort spitzt das Gedenken zu.

Ort christlicher Erinnerung

In sakralen bzw. liturgischen Räumen, von denen viele in unseren Innenstädten befinden, spitzt sich besonders christliche Erinnerung zu. Die „Erinnerung“, die in ihrer einmaligen Verdichtung in der Liturgie zur Vergegenwärtigung wird, ist die Eucharistiefeier. Diese gemeinschaftlich kollektive Erinnerung ist einerseits konstitutiver Bestandteil der christlichen Identität („…tut
dies zu meinem Gedächtnis…“ [7]). Gleichzeitig aber ist dieses Konstitutivum Tag für Tag davon bedroht, immer mehr aus der Präsenz in die Nur-Erinnerung hinein zu schrumpfen mit der Gefahr, dem zunehmenden Vergessen einer Gesellschaft anheimgestellt zu sein.

Beides, die konstitutive Erinnerung als die Verlebendigung des „vergangenem Jesusereignises“ wie auch ein gegenwärtiges Schrumpfen in die Nur-Erinnerung von immer mehr Menschen und der Gefahr ihres realen Verlustes, haben mit Orten zu tun.

Fassaden christlicher Identität

Die abnehmende Zahl der Christen in unseren Breiten sowie das zurückgehende Bedürfnis der Christen, Eucharistie feiern zu müssen, machen deren lokale Verortungen, Speerspitzen der christlichen Identität, zunehmend überflüssig. So werden in erster Linie Kirchen (nicht Kapellen) in den urbanen Ballungsgebieten ihrer ursprünglichen Zweckbindung beraubt und umgewidmet [8] bzw. umgestaltet und so neuen Nutzungen zugeführt.

Trotz innerer Umnutzung bleibt die Außenansicht der Kirchen, primär Dank des Denkmalschutzes, öffentlich erhalten. Diese Räume, ehemals Orte christlicher Kultur, stehen in unseren Städten oft sehr zentral und sie verorten eine Botschaft. Diese Botschaft wird aber zunehmend zu einer verschlüsselten Botschaft, da im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Nutzung das Äußere des Gebäudes nicht unbedingt Rückschlüsse zulässt auf ihre aktuelle innere Nutzung. Kehrseite dieses Faktums ist, das durch die innere Umnutzung von Kirchen ihre ursprüngliche Funktion in Vergessenheit gerät, und somit die äußere Ansicht, von der ursprünglichen christlichen Kommunikation, die im Inneren des Raumes stattgefunden hat, nichts mehr wissen lässt. So ist zu bezweifeln, dass die Erinnerung zukünftiger Generationen an den früheren „inneren“ Gebrauch dieser Orte lebendig gegenwärtig bleiben wird. Anzunehmen ist eher, dass dieses Wissen an sich zukünftig nicht mehr dem Menschen aktiv zur Verfügung stehen wird (aktives Wissen), und somit zunehmend dem nachzuschlagenden
Geschichtswissen angehören wird (passives Wissen). Hier ein belegendes aktuelles Beispiel dieser Vermutung, jenseits einer möglichen Utopie die Kirchenräume betreffend: Der Generation, die den zweiten Weltkrieg primär oder auch sekundär „erlebt“ hat, braucht die Bedeutung eines Bunkers in mitten einer Stadt nicht vermittelt werden. Fragt man allerdings heute Jugendliche
auf der Straße, was es mit dem Gebäude (Bunker) auf sich hatte, deren Mauern sie gerade als „Torwand“ benutzen, dann suchen sie zunehmend oft eine Antwort im Reich der Spekulation. Der Verlust der Erinnerung an die Bedeutung von Räumen ist keine Utopie. Was Orte aus dem zweiten Weltkrieg ereilen kann, ein zunehmendes Vergessen ihrer Funktion, kann auch andre
Orte, beispielhaft hier der des umbauten Raumes vergangener Glaubenspraxis, ereilen.

„Alte“ Fassade – „neue“ Verortung

Diese Erkenntnis könnte folgenlos bleiben, sollte es aber nicht. Denn die Fassaden ehemaliger als Gottesdienstort genutzter „Kirchen“ [9] sind eine neue Möglichkeit, die zukünftige Innenstadtpastorat (Citypastoral) erweitert in unseren Städten zu positionieren. Damit fordert „altes Gemäuer“ verfasste Kirche und mit ihr Gesellschaft heraus, diese Fassaden über ihr „ich war
einmal eine Kirche“ hinaus zum Sprechen zu bringen. Hier böten sich Möglichkeiten, diese Orte von außen betrachtet zu neuen Orten der Vermittlung der christlichen Botschaft werden zu lassen, zumindest aber über diese Fassaden die biblische Botschaft ins Spiel der Vielfalt einer Stadt zu bringen. Dies wäre auch eine Herausforderung an die Pastoraltheologie und die Religionspädagogik. Ihre Aufgabe wäre, diese Präsenz der Kirchenfassaden pastoraltheologisch und religionspädagogisch in den Blick zu nehmen und sie zu neuen Ausgangsorten christlicher Kommunikation werden zu lassen.

„Altes“ Gemäuer – Teil im Netzwerk

Ausgangspunkt: Der Mensch braucht Orte, Orte der Erinnerung um auch aus ihr heraus Zukunft zu deuten und zu gestalten.

Die neue Frage lautet: Wie können Kirchenfassaden zu neuen Ausgangsorten christlicher „Bewegung“ werden. Konkreter gefragt: Wie können Menschen, die Kirche sind, an altem Gemäuer etwas „Neues“ in Bewegung bringen? Mit dieser „neuen“ Frage muss aber auch in den Blick genommen werden, dass diese nicht nur als Einzelfrage behandelt werden sollte, sondern immer als Frage in einem Netzwerk von Fragen nach anderen Orten christlicher Kommunikation. Dazu gehören vorhandene Orte ebenso wie jene Orte, die aus der Erinnerung heraus wieder aktiviert werden könnten. Mit der Frage nach der „Verkündigungspotenz“ alter Kirchenfassaden muss die Frage verbunden werden wie wir vorhandene Orte pflegen, neue Orte schaffen, aber auch aus der Tradition vergessene Orte neu beleben.

Ich möchte hier vorwiegend ein wenig „spinnen“, oder, passender formuliert, bestimmte Gruppen einladen, mit zu „spinnen“, wie „altes“ Gemäuer pastoral neu in den Blick genommen werden kann. Darüber hinaus sollen auch „vergessene“ Orte aus der Tradition, mitunter auch in neuer „Kombination“, ins Gespräch gebracht werden.

„Altes“ Gemäuer – wovon erzählst du morgen?

Die ehemals als Kirchen genutzten Objekte sind oft in andere Besitzerhände überführt worden, um ehemals kirchliche Besitzer finanziell zu entlasten. Damit gehören viele dieser ehemals als Kirchen genutzten Immobilien nicht mehr der Kirche. Wir gehen also der Frage nach, wie ein umgenutzter Kirchenraum nur aufgrund seiner allen zugänglichen optischen Präsenz in der Glaubensverkündigung genutzt werden kann.

Betrachten wir das „alte“ Gemäuer einmal nur als einen Ort der Erinnerung. Wofür werden die Fassaden ehemaliger Kirchen zukünftig stehen, von was werden sie erzählen bzw. was werden sie in Erinnerung rufen? Werden diese Mauern für eine Kirche stehen, die für die Botschaft eines Mannes Namens Jesu von Nazareth eintritt und die Anfang eines neuen Jahrtausend über Missbrauchsskandale in ihren eigenen Reihen Tausende ihrer Mitglieder durch Kirchenaustritt verloren hat? Werden diese Mauern für eine Kirche stehen, die in Konfessionen gespalten ist oder war, für eine, die hierarchisch geordnet den Laien kaum Mitsprache einräumt, für eine, die im Mittelalter Kreuzzüge organisiert hat, für eine, die reich an Kunstschätzen, Immobilien und Wertpapieren ist, für eine, die Stars hervorbrachte wie den Heiligen Papst Johannes Paul II., und den reformfreudigen Papst Franziskus, für eine, die zu den größten Arbeitgebern in der BRD zählt, für eine, die schon fast vergessen ist?

Wie lange wird es noch Menschen geben die Angesichts dieses „alten“ Gemäuers erzählen, dass sie noch jemanden kennen, der da früher getauft wurde, zur Kommunion gegangen ist oder dort geheiratet hat, Menschen die berichten, wie sie in der Kirche Messdiener waren, Weihnachten die Krippe aufgebaut haben oder Sonntags dort zum Gottesdienst gegangen sind? Wie lange werden in den Köpfen von Menschen noch Melodien rumgeistern, die ursprünglich ein Kirchenlied waren, Nasen „wissen“, wie Weihrauch in Verbindung mit Kerzenwachs riecht oder Augen Bilder eingefangen haben von einem festlichen Hochamt? Diese Kette der Fragen, an was man sich vielleicht auch bald nicht mehr erinnern wird, könnte noch weitergeführt werden, weil diese umgenutzten Orte eigentlich unendlich viel erleben ließen. Und wenn es noch Leute gibt, die davon erzählen, werden sie überhaupt noch verstanden werden; sprechen sie dann aus ihrer Erinnerung in einer Sprache, deren Vokabeln noch zum aktiven Wortschatz von Teilen der Gesellschaft gehören wird, oder wird ihre Erzählung wie in einer fremden Sprache klingen?

Die pastoralen Gestalter der Innenstädte (PGI)

Die zukünftigen pastoralen Gestalter der Innenstädte (PGI) werden sich überraschen dem „alten“ Gemäuer haften werden. Diese Tatsache entpflichtet uns aber nicht von der Beantwortung der Frage, insofern wir zu den zukünftigen pastoralen Gestaltern der Innenstädte gehören (wollen), was wir gerne hätten, das mit diesen Mauern zukünftig verbunden werden sollte. Die Beantwortung dieser Frage eröffnet weitergehende Fragestellungen, die als Netzwerk angesehen werden müssen und in Vernetzung auch Beantwortung finden sollten.

Erinnerung zur Bewegung

Zu diesen weitergehenden Fragen gehört, ob diese „alten“ Gemäuer zu Orten werden können, von denen eine Bewegungausgeht. Das wird nur realistisch als eine eventuelle Möglichkeit pastoralen Handels denkbar sein, wenn die Brücken der Erinnerung in die Gegenwart hinein ragen bzw. wenn die PGI neue Brücken zwischen vermittelter Geschichte und Gegenwart errichten können.

Was bewegen solche Erinnerungsorte? Welche Bewegung könnte von diesen Orten ausgehen? Vielleicht diese: Gewesenes nicht zu wiederholen, Verlorengegangenes neu aufzuheben, an Traditionen wieder anzuknöpfen, neugierig zu suchen was Kirche wieder neu sein könnte, Gleichgesinnten zu begegnen und mit ihnen weiter zu gehen, den Geist Gottes wirken zu lassen, durch Erzählerinnen und Erzähler Begeisterung zu wecken, die Korrektur allgemeiner Annahmen über die Kirche zu beleben, eine neu Sicht auf den Mitmenschen zu ermöglichen… Vielleicht aber fällt an diesen Orten einfach das Wort Gottes auf den Boden und Menschen heben davon etwas auf und etwas Ungeahntes kommt in Bewegung. Das hier Ausgeführte kann nur ein Anstoß sein, schon heute Ideen weiter zu denken, zu „spinnen“, wie zukünftig die PGI das umgewidmete Erbe unserer Gesellschaft ungewöhnlich, neu, auch provokant und in Korrespondenz mit anderen auch vorhandenen Orten des Glaubens, in den Blick nehmen könnten.

Welche Rolle in diesem Zusammenhang das WWW spielen wird, und es wird mit ihren sozialen Netzwerken eine Rolle spielen müssen, sollte bei der Ortsbestimmung von Glaubenssuche und Glaubenspraxis essentiell mit bedacht werden, was aber einer ergänzenden Betrachtung bedarf.

Stichproben zu Ort und Vollzug

Ein Ort erwächst aus dem gemeinsamen Vollzug, dem das Bedürfnis voraus geht gemeinsam Glauben vollziehen zu wollen, und dem voraus geht das Wissen um den anderen, der dieses Bedürfnis ebenfalls teilen will. Dem voraus geht der Glaube selbst oder das Glauben-Wollen, in dem die physische Zusammenkunft der Glaubenden begründet liegt.

Entscheidend für die Zukunft wird auch sein, mehrere Orte der Glaubenspraxis mit unterschiedlichen Bezügen aufeinander hin zu entfalten, zu denen dann auch die „umgewidmeten Kirchenfassaden“ gehören werden. Klassisch dienten und dienen Orte des Glaubens der Unterbrechung des Alltags oder deren Entschleunigung. Orte des Glaubens dienen aber auch der gemeinschaftlichen „Heiligung“ vor Gottes Angesicht in der Kommunikation mit ihm.

Stichproben um an vorhandenen Orten aktuell den christlichen Glauben neu zuzuspitzen:

  • Zum Beispiel könnte das bedeuten, den früheren kleinen Ort des Weihwasserbeckens neben der Wohnungstüre wieder neu beleben. Dieser Ort ist mit der Erinnerung an die eigene Taufe verbunden, mit der Handlung des Sich-Bekreuzigens und dem Ausblick, gesegnet zu sein, und somit eine Zuspitzung.
  • Alt und trotzdem fast neu wäre dieser religiöse Ort, die Feier des eigenen Namenstages. Den Namenstag besonders zu gestalten als Zuspitzung des eigenen Glaubens, gefeiert und so verortet in den eigenen vier Wänden. Natürlich würde auch dazu gehören sich mit dem betreffenden Heiligen oder Seligen auseinander zu setzen.
  • Ein eher verrückter Ort des Glaubens wäre die eigene Wohnung, in der ein Sakralgerät als befristete Leihgabe den Glauben zuspitzen könnte: „Kelche oder Ziborien können in der  Kommunionvorbereitung wie auch in der Vorbereitung auf die Firmung in die Familien der Aspiranten befristet für z.B. eine Woche „ausgeliehen“ werden. Ein Sakralgegenstand in den „eigenen vier Wänden“ ist nicht nur ein Eyecatcher, sondern er ermöglicht weitergehende Auseinandersetzungen.“ [10]
  • In der Vorbereitung auf die Trauung spreche ich mit den Paaren über einen religiösen Ort in den eigenen vier Wänden, der der Kommunikation des Paares dient, wenn Funkstille angesagt ist. Einen zentralen Ort in der Wohnung schlage ich den Paaren vor, an dem die Traukerze stehen könnte, ein Kreuz hängen würde und Platz ist für kleine Zettel wie einem, auf dem stehen könnte: „Schatz, unser Streit ärgert mich, aber ich komme momentan nicht aus meiner Haut raus, bekomme den Mund selber nicht auf, bau mir bitte eine Brücke.“
  • In einem Trauergespräch erzählte eine Freundin der Witwe, sie und ihr Mann hätten kürzlich unabhängig voneinander in einem Aachener Devotionaliengeschäft am Dom eine sehr  minimalistische Darstellung eines Engels gesehen. Heute stehen die zwei die 40 cm hohen Figuren in ihrer Wohnung an einem bestimmten Platz. „Damit verorten wir unseren Glauben auch als Kraftquelle“, lautet ihre übereinstimmende „Ortsbestimmung“.

Die zukünftigen Orte einer gemeindlichen Innenstadtpastoral werden auch durch die PGI sich finden lassen, zwischen „altem Gemäuer“ und „traditionellem“ neu bewegt.

Anmerkungen:

  1. Siehe: Bollnow, Otto Friedrich. Mensch und Raum. Stuttgart, 10. Aufl age 2004, S. 38ff.
  2. Das „Hildebrandslied“ (auch: „Hildebrandlied“) erzählt die Begegnung zweier Helden. Sie stehen sich als Feinde gegenüber. Durch Befragung des Jüngeren erkennt der Ältere, dass sein Sohn vor ihm steht. Doch diese Erkenntnis kann den Kampf nicht verhindern. Mitten in dem Zweikampf bricht das Manuskript ab: Der folgende Text ist in Althochdeutsch geschrieben. Ihm schließt sich eine neuhochdeutsche Übersetzung an. Quelle: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/hildebrandslied (29.02.2017)
  3. „Huneo truhtin: Dat ih dir it nu bi huldi gibu. Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu: Mit geru scal man geba infahan, ort widar orte. Du bist dir alter Hun, ummet spaher, Übersetzung: „(…)der
    Herrscher der Hunnen. Das gebe ich dir nun aus Freundschaft! Hadubrand, Hildebrands Sohn, sagte: „Mit dem Speer soll der Held Geschenke annehmen, Spitze gegen Spitze! Du glaubst dich, alter Hunne, unmäßig schlau.“ Quelle: s. Anm. 2.
  4. Bollnow, S. 38.
  5. Nach Etienne François und Hagen Schulze. Quelle: https://www.uni-oldenburg.de/geschichte/studium-und-lehre/lehre/projektlehre/regionale-erinnerungsorte/was-ist-ein-erinnerungsort/
  6. Vgl.: https://www.uni-oldenburg.de/geschichte/studium-und-lehre/lehre/projektlehre/regionale-erinnerungsorte/was-ist-ein-erinnerungsort/
  7. Siehe Lk 22.19, 1 Kor 11,24.
  8. Für Kirchengebäude die nicht unter Denkmalschutz stehen, das sind meist Kirchen die ab 1970 entstanden sind, wird auch der Abriss erwogen. Die folgenden Ausführungen dieses Artikels bieten
    auch eine Argumentationshilfe, einen Abriss solcher Sakralbauten zu verhindern.
  9. Trifft die Bezeichnung Kirche auf dauerhaft als solche nicht mehr benutzen Räume weiterhin zu, wenn in „Kirche“ nicht mehr drinnen ist was aber auf dem Etikett Fassade noch entzifferbar ist?
  10. Vgl.: Christoph Stender in: Pastoralblatt 5/2015, „Altes“ Sakralgerät neu zugemutet, S. 145ff.
Erschienen in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück. J.P. Bachem Verlag GmbH. Mai 05/2017
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Kreuzdiagnosen

Foto: © Michael Lejeune

Handwerklich gekonnt durchgeführt

Da, das Kreuz! Interpretationsrahmen ist hier gleich null: Jesus hängt am Kreuz. Nüchtern betrachtet, einfach „nur“ gekreuzigt. Die Soldaten der Mächtigen haben ihren Job gemacht und Jesus den Verurteilten geschleift, angenagelt, aufgerichtet und ausbluten lassen. Ergebnis: Tod. Handwerklich gekonnt und zielführend durchgeführt, Werkzeuge einer Weltmacht eben.
Geht man von einer durchschnittlichen Sensationslust der Menschen damals aus, so wird die Kreuzigung nur wenige Schaulustige angezogen haben, wenn überhaupt, denn dieses Ritual war fast alltäglich.

Proteste sind nicht belegt

Unter dem Kreuz wurde es Nacht, da gab es keinen Protest wie diesen: „Steig herab, verdammt steig herab, du lässt dich doch nicht wegnageln, ich bin deine Mutter, siehe dein Lieblingsjünger, du hast dich ausgestreckt, weiter geht es nicht.“ Oder diesen: „Ja, der eine Schächer hat recht, vielleicht hat er nicht die richtigen Worte gewählt, war emotional und eigensüchtig übersteigert, aber zu recht fordert er: ,Komm runter, sei Gott.‘“ Unter dem Kreuz wurde es Nacht, da gab es auch diesen Protest nicht: „Steig herab, mach was, steig herab, hier will keiner mit Gott streiten oder an ihm zweifeln. Aber du warst es doch, der von ihm erzählt hat, das er Liebe sei, hast du gesagt! Du hast den Mund für ihn aufgemacht, nie den Mund zu voll genommen, hofften wir, doch jetzt sag ein Wort machtvoll und ergib dich nicht der menschlichen Brutalität. Jeder, der dir bis hierher gefolgt ist, versteht, wenn du jetzt mächtig wirst. Steig herab.“

Die Proteste blieben aus, Jesus blieb hängen, theoretisch im Lauf von Tagen durch lokale Witterungsbedingungen vom Kreuz weg verdaut.

Das Protokoll aus der Ferne

Die ereignisnahe und allgemeine Geschichtsschreibung ist mäßig bis gar nicht an dieser Kreuzigung interessiert. Die historisch anmutenden biblischen Protokollanten zu diesem Vorfall notierten:
„Jesus aber schrie wieder mit lauter Stimme und gab den Geist auf.“ (Mt 27,50)
„Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.“ (Mk 15,37)
„Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.“ (Lk 23,46)
„Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ (Joh 19,30b)

Die Rezeptionsgeschichte dieses Ereignisses lässt durchblicken: Jesus wurde machtpolitischen Intentionen dienend weggehängt.

Kollateralschäden passieren

Infolge der Kreuzigung gab es versehentliche Verluste, auch Kollateralschäden genannt: Maria, die Mutter Jesu, verlor ihr (so vermutet) einziges Kind. Josef, damals allgemein als Vater Jesu angesehen, steht nicht unterm Kreuz, theologisch im Nachhinein gedeutet, was soll er da auch, war ja schon an der Krippe eher abwesend. Dann waren da vielleicht Maria von Magdala, Maria: die Mutter von Jakobus und Josef, Maria: die Frau des Klopas und vielleicht auch noch andere Betroffene. Genauer lässt sich die Anwesenheitsliste unter dem Kreuz nicht recherchieren. Allerdings verbindet die wenigen, die nicht dienstlich da waren, einen Verlust erlitten zu haben, ihnen ist allen gemeinsam ein Tod widerfahren. Gestorben ist Kommunikation, Beziehung, Zukunft und Nähe.

In Kreuzesnähe nicht zu vergessen, hingen die beiden Räuber und Verbrecher, veraltet Schächer genannt. Die waren weder freiwillig noch dienstlich da, die hingen einfach nur noch in der Luft, die Gesellschaft hatte sie aufgrund ihrer Verbrechen ausgeschieden, gekreuzigt eben. Aber auch die beiden haben einen Verlust zu verbuchen. Der eine, der sich schon gekreuzigt noch eine bissige Ironie leistete und Jesus aufforderte dank göttlicher Kraft die Nägel zu ziehen. Und der andere, der als Last-minute-Gläubiger sich über solche Gotteslästerung seines mit ihm selbst berechtigt verurteilten Kollegen echauffierte und meinte, mit seiner kurzfristigen Sympathieerklärung für Jesus noch was reißen zu können (vgl. Lk 23,39f.). Beide sind verlustig, der eine des Erfolges seiner Bissigkeit, der andere des Erfolges seiner Sympathieerklärung, da diese im je eigenen Halse stecken geblieben, da zu Tode gekommen sind. Doch sie haben auch Glück gehabt, sie haben diesen Verlust nicht gemerkt, weil tot.

Ende einer Kreuzigung

Hier hat dann das allgemeine Interesse der Bevölkerung zur Zeit der Kreuzigung Jesu, wenn es dieses denn gab, einen Schlusspunkt gesetzt oder, genauer gesagt, einfach begonnen zu vergessen oder, noch genauer formuliert, nicht weiter registriert. In vielerlei Richtungen ist dies das traurige Ende einer Geschichte eines Menschen! Nur einfach traurig, wie die erzwungenen Enden der Geschichten von Menschen es nun einmal sind, endlich traurig. Zu ergänzen an dieser Stelle, da nicht ganz auszuschließen, wäre die Information aus wohl informierten Kreisen, dass der Leichnam Jesu vielleicht doch vom Kreuz abgenommen worden sei und in einer Grabstätte nahe dem Ort der Kreuzigung beigesetzt worden sei.

Entsorgung des Kreuzes

Was aus dem Kreuz geworden ist, an dem Jesus gekreuzigt wurde, hatte zeitnah offenbar niemanden interessiert. Zu Brennholz verarbeitet wurde es wohl eher nicht, der Brennholzbedarf in dieser Region war gering. Vielleicht wurde es ja recycelt, und andere Verurteilte „verreckten“ an diesem Tötungsinstrument. Möglicherweise ist es ja auch einfach nur vermodert. Aber wen interessierte das schon.

Tod der Bilder

Wie oben schon bemerkt, gibt es keine exakte Liste derer, die sich „freiwillig“ (Trauergemeinschaft), gezwungen (Häscher) oder dienstlich (Soldaten) im Umfeld des Kreuzes befanden. Doch eines wird ihnen allen gemeinsam gewesen sein, die Mitnahme von Bildern der Kreuzigung im Kopf, auf dem Weg vom Kreuz. Solche Ereignisse geschehen, wahrgenommen aber wurden und werden sie zu verhafteten Bildern im Kopf. Die Kreuzigung hinterließ aber nur fragile Bilder. Die ersten fragilen Bilder starben in den Köpfen der Schächer, ihr Tod ereignete sich um den Tod Jesu. In welcher Reihenfolge die Bilder der anderen „Anlieger“ unter dem Kreuz starben, ist ungewiss, aber auch unwichtig, da alle schon seit über 2000 Jahre tot sind, die Menschen und ihre Bilder.

Erzählen erschafft Bilder

Die „Bilddokumente“ von dem faktischen Ereignis der Kreuzigung Jesu starben in den Köpfen der letzten Zeuginnen und Zeugen der Kreuzigung. Diese Bilder starben, aber die Faktizität des Ereignisses Kreuzigung überdauerte im Wort. Denn eine Handvoll Menschen erzählte damals anderen von den Bildern in ihren Köpfen. Diese Menschen starben auch, aber hinterließen „Weitererzähler“, die diese Bilder wieder in Worten verpackt weiter mitteilten. So „produzierte“ dieses Erzählgut neue Bilder in den Köpfen der Menschen, die zuhörten. Diese neuen Bilder in den Köpfen von Menschen erschufen im 3. bzw. Anfang des 5. Jahrhundert die ersten „realen Bilder“ wie Graffiti, Skizzen, Zeichnungen, Darstellungen, Gemälde, Zyklen und diese auf Stein, Holz, Leinwand und heute auch auf CD. Nun sind diese Bilder, einst nur den Köpfen vorbehalten, dauerhaft sichtbar, nicht mehr nur hörbar. Diese Bilder wurden nun transportabel und so in die Deutungshoheit beliebiger Menschen verschickt, gemailt, erwerbbar und somit freigegeben, neue Bilder in Köpfen zu produzieren.

Verehrte Leserschaft

Hier könnten wir jetzt einen Punkt machen, denn bis hierher ist alles belegbar, einsichtig und annehmbar. Allerdings, was ist bei Ihnen angekommen? Anzunehmen wohl auch diese Erzählung einer Realität, in Bilder verpackt, weitererzählt auch Ihnen heute: „Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.“ (Lk 24,35) Was hören Sie, welche Bilder entstehen in Ihrem Kopf, in Ihrem Herzen, und was kommt davon über Ihre Lippen?

Erschienen in: Religion lehren und lernen in der Schule – Zeitschrift für den katholischen Religionsunterricht, 1/2017
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Nein, zu einfach, unwahr!

Allen Gedanken gemeinsam ist normalerweise ihre Unverfügbarkeit, sie sind bekanntlich frei. So werden sie nicht nur gedacht, sondern auch besungen, wie in der vierten Strophe des Lieds „Die Gedanken sind frei“ in der Version des Liederbuches „Zupfgeigenhansel“: „Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.“ Der Text beschreibt, dass Gedanken sich nicht einmauern lassen, da sie Beschränkungen jeder Art niederzureißen in der Lage sind dadurch, dass der Gedanke einfach nur gedacht werden muss. Gedanken aber bleiben nicht folgenlos, wenn sie ausgedrückt werden, also eine Öffentlichkeit erlangen in ausgesprochenen Worten oder tätigem Handeln.

„Die Gedanken sind frei“, das bedeutet aber noch nicht, dass jeder Gedanke auch gut ist. Die deutsche Geschichte belegt traurig, und aktuell beweisen es beispielsweise terroristische islamistische Mörder, wie bestimmtes Gedankengut Leben rücksichtslos vernichtet. Die Anzahl derer nimmt zu, die meinen, dass ihre Gedanken ungefiltert eine Öffentlichkeit verdienen, und die „sozialen“  Medien im Internet machen das möglich. Und je simpler ein Gedanke ist, umso mehr erweckt er bei vielen Menschen, Tendenz steigend, die Gewissheit, dass solches „Gedankengut“ auch richtig ist.

Besonders nationalkonservative Kreise propagieren den einfachen Gedanken als die Lösung aller Probleme. Da werden neuerdings auch gerne sogenannte „alternativen Fakten“ gedacht und  ausgesprochen, die vor wenigen Wochen noch Lüge genannt wurden. Ja, auch hier gilt, „die Gedanken sind frei“. Ja, Gedanken sind frei, deren Äußerung aber nicht frei von jedweder „Rücksicht“. In diesem Sinne beschreibt die vierte Strophe auch eine Bedrohung durch die Gedanken, die freigesetzt für sich in Anspruch nehmen, Schranken und Mauern, die die Gesellschaft als Allgemeingut würdigen Umgangs untereinander aufgestellt hat, so einfach niederzureißen. Das Ergebnis ist der sogenannte Shitstorm, die Freiheit, Gedankendreck kübelweise über andere Menschen auszukippen.

Menschen, die schwarzweiß denken und populistisch niveaulose Gedanken als einfache Lösungen anbieten, täuschen. Liebe Leser, helfen Sie Menschen, einfachen Lösungen nicht zu trauen und helfen Sie ihnen, differenzierter hinzuschauen. Helfen Sie Menschen, nein zu sagen, wenn ihnen eingetrichtert wird: Das Böse ist im Fremden festzumachen, nein! National ist besser als gemeinsam europäisch, nein! Mauern schützen und befreien, nein! Religionen auszugrenzen gibt Sicherheit, nein! Nehmen Sie den Rattenfängern mit einem Nein den Zulauf.

Erschienen in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 11./12. Februar 2017
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Werde und liebe, wer du bist!

Hirten, einfache Menschen, berichteten von dem, was ihnen über das Kind im Vorhinein mitgeteilt worden war. Und alle staunten über das, was sie nun über dieses Kind hörten und somit auch meinten zu wissen. Und als die Besucher von Bethlehem Krippe und Stall wieder verließen, da hatte jeder von ihnen ein konkretes Bild im Kopf von dem, was aus diesem Baby, dem Christuskind, einmal werden würde. Diese Bilder in ihren Köpfen trugen die Krippenbesucher weit in die Welt hinaus. Es sind Bilder, die bis heute noch bewegen.

Aber nicht nur an der Krippe damals spielten Bilder eine Rolle. Heute ist es ebenso: Informationen über andere Menschen oder Sachen lassen Bilder in den Köpfen der Hörenden entstehen. Wortabfolgen können im Gehirn des Menschen zu Bildern zusammengesetzt werden, im Speicher des Wissens und des Meinens.

Auch Maria und Josef hatten wohl ein Bild im Kopf von dem, was aus ihrem kleinen Jesus einmal werden sollte, zum Beispiel ein guter Handwerker, ein erfolgreicher Fischer mit kleinem Unternehmen, oder ein Prophet, wie andere auch, die noch im hohen Alter von ihrer Weisheit profitieren. Doch Jesus ist seinen Weg gegangen, unverwechselbar und einmalig. Seinen eigenen Weg ist er gegangen, der aber nicht den Bildvorstellungen seiner Eltern und wohl anfangs auch nicht seinen eigenen entsprach.

Wie Jesus trägt jeder Mensch mit der Geburt etwas Unverfügbares in die Realität, etwas einmaliges, dieses ich, das drängt, als Unikat entfaltet werden zu wollen. Sicherlich sind neben den genetischen Anlagen die Umgebung, Bildung, und soziale Vernetzungen bei der Entfaltung eines Kindes von Bedeutung. Auch der heranwachsende Jesus hatte mit all dem zu tun, was auch seine Altersgenossenbeschäftigte. Josef und Maria waren für ihr Kind da, haben ihn seine Realität wie die Pubertät erleben lassen, die nur schmerzlich und in Unfriede hätte abgewandt werden können.

Seine Eltern haben Jesus vorgelebt, den jüdischen Glauben als Mittel zum Leben zu erfahren, Ehrlichkeit als geschuldeten Umgang miteinander, Engagement als Gestaltungskraft, Verlässlichkeit als Anerkennung des Anderen und Barmherzigkeit als Kultur. In diesem Aufgehobensein ging Jesus seinen unverwechselbaren Weg, an allen Bildern der Vorstellung vorbei – auch an denen der  eigenen Eltern. Den Bildern von der Zukunft eines Menschen sollten wir nicht zu viel Macht geben. Hilfreicher wäre es, den Kindern „Pinsel, Farbe und Leinwand“ an die Hand zu geben, die Befähigung, den eigenen Weg zu finden, auch jenseits anderer Bilder. So ist für ein Kind zu hoffen, beziehungsweise für den Menschen jeden Alters, dass ein Mensch sorgend für ihn da ist mit diesem Bild im Kopf: „Lass doch wachsen, werde und liebe, wer du bist.“

Erschienen in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 25. Dezember 2016 /1. Januar 2017
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Barmherzigkeit. Gottes Wirklichkeit und des Menschen herzliche Erkenntnis – zwei Töne auf einer Tonleiter

Vortrag zum Thema Barmherzigkeit anlässlich des Heiligen Jahres 2015/2016 am Besinnungstag der Schwestern vom armen Kinde Jesus am 25. November 2015 im Kloster Burtscheid, Aachen

1. Impuls: Gottes Wirklichkeit

1. Das Ankündigungsdokument des MISERICORDIAE VULTUS durch Papst Franziskus

Am 08.12.2015 eröffnet Papst Franziskus das MISERICORDIAE VULTUS, das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Papst Franziskus erläutert in seinem Ankündigungsschreiben des Heiligen Jahres warum er diesen Termin gewählt hat: „(…) weil er eine große Bedeutung in der jüngsten Kirchengeschichte hat. Ich werde nämlich die Heilige Pforte genau fünfzig Jahre nach dem Ende des II. Vatikanischen Ökumenischen Konzils öffnen.“1

  • Das Thema Barmherzigkeit lag schon in der Intention des II. Vatikanischen Konzil, und kam in der Eröffnungsansprache am Konzilsbeginn von Papst Johannes XXIII. zum Ausdruck: “Die katholische Kirche, während sie durch dieses ökumenische Konzil die Leuchte der katholischen Glaubenswahrheit hoch hält, will sich damit als eine sehr liebevolle, gütige und geduldige Mutter aller erweisen, voller Erbarmung und mit Wohlwollen für ihre Kinder, die von ihr getrennt sind.“2
    Das Konzil schließt mit den Worten von Papst Paul VI., der wiederum die Richtung des Konzils seiner Diktion entsprechend auf die Zukunft hin ausrichtet: „Wir wollen vielmehr unterstreichen, dass die Religion dieses Konzils die Nächstenliebe ist (…) Die uralte Erzählung vom barmherzigen Samariter wurde zum Paradigma für die Spiritualität dieses Konzils. (…) Eine Woge der Zuneigung und der Wertschätzung für die moderne Welt ging von diesem Konzil aus.“3 So knüpft Papst Franziskus mit dem Thema der Barmherzigkeit deutlich an eine Diktion des II. Vatikanischen Konzils an, die im Nachgang des Konzils in der Kirche eher zu kurz gekommen ist.
  • Papst Franziskus umschreibt am Beginn seiner Ankündigung des Hl. Jahres die theologische Einbettung der Barmherzigkeit: „Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem Satz auf den Punkt gebracht zu sein. In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden. Der Vater, der ʽvoll des Erbarmensʼ ist (Eph2,4), der sich Mose als ʽbarmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treueʼ (Ex 34,6) offenbart
    hatte, hat nie aufgehört auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte seine göttliche Natur mitzuteilen. Als aber die „Zeit erfüllt war“ (Gal l4,4), sandte Er, seinem Heilsplan entsprechend, seinen Sohn, geboren von der Jungfrau Maria, um uns auf endgültige Weise seine Liebe zu offenbaren. Wer Ihn sieht, sieht den Vater (vgl. Joh 14,9). Jesus von Nazareth ist es, der durch seine Worte und Werke und durch sein ganzes Dasein die Barmherzigkeit Gottes offenbart.“4
  • Doch Barmherzigkeit darf nicht als Mechanismus verstanden werden, der sich Quasi „von selbst einstell“ wenn der Mensch das Bedürfnis verspürt Barmherzigkeit zu benötigen.
    Im Umfeld der Bekanntgabe des Heiligen Jahres klärt Kardinal Piacenza in einem Interview dem Worten des Heiligen Thomas folgend, warum Barmherzigkeit kein Freifahrtsschein ist.

Kardinal Piacenza5 stellt fest, ausgehend vom Hl. Thomas von Aquin, der die Meinung vertritt, das Barmherzigkeit weder blinde Toleranz noch Rechtfertigung der Sünde sei und schon gar nicht ein Recht. Er führt aus: „Die Barmherzigkeit ist nicht ʽToleranzʼ, weil sie sich nicht darauf beschränkt, den Sünder zu ʽertragenʼ um ihn weiter sündigen zu lassen, sondern die Sünde offen verurteilt, und genau auf diese Weise den Sünder liebt: Sie erkennt, dass er nicht aus seiner Sünde besteht, sondern mehr (…) ist. Die Barmherzigkeit rechtfertigt zudem nicht die Sünde unter Verweis auf welche soziokulturellen, wirtschaftspolitischen oder persönlichen Umstände auch immer. Sie schätzt den Menschen vielmehr so sehr, dass sie von ihm Rechenschaft für jede seiner Handlungen verlangt und ihn so als ʽverantwortlichʼ vor Gott anerkennt.
Und schließlich ist die Barmherzigkeit kein Recht, es gibt keinen Anspruch darauf, nur weil man existiert. (…) Die Barmherzigkeit hingegen kann nicht eingefordert werden, weder gegenüber Gott noch gegenüber der Kirche, der Dienerin der göttlichen Barmherzigkeit.“6

Die nicht Abrufbarkeit der Barmherzigkeit Gottes unterstreicht der Papst in seiner Ankündigung mit den Worten des Aquinaten: „Barmherzigkeit walten zu lassen, ist ein Wesensmerkmal Gottes. Gerade darin zeigt sich seine Allmacht.“7 Dies verdeutlicht, das Barmherzigkeit kein schwächeln Gottes ist, oder gar eine Anbiederung Gottes an den Menschen. Barmherzigkeit ist eine Qualität Gottes, die seinen Urgrund hat in der Allmacht Gottes.
Und der Heilige Vater unterstreicht diese Aussage noch mit einem der ältesten Tagesgebete unserer Liturgie: „Großer Gott, du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen.“8
Barmherzigkeit ist ein freier Akt Gottes auf den Menschen hin. Gleichzeitig bedarf das Erleben dieses freien Aktes Gottes auch einer Vermittlung. Mit Blick auf die Gleichnisse des NT, in dem Jesus erlebbar Barmherzigkeit zu seiner Handlungsmitte macht, nimmt er auch jene Kinder in die Pflicht, die sich auf ihn als Christen berufen, und stellt ein für alle male fest, dass: „Barmherzigkeit nicht nur eine Eigenschaft des Handelns Gottes ist. Sie wird vielmehr auch zum Kriterium, an dem man erkennt, wer wirklich seine Kinder sind. Wir sind also gerufen, Barmherzigkeit zu üben, weil uns selbst bereits Barmherzigkeit erwiesen wurde.“9

  • Der Aufruf zur Barmherzigkeit im Heiligen Jahr bekommt aber auch durch den organisatorischen Ablauf, der Öffnungen der Heiligen Pforten in Rom und Weltweit einen gewissen prosesshaften Charakter.

Am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens wird der Papst die Heilige Pforte im Petersdom öffnen. Am 3. Advent wird die Heilige Pforte in der Bischofskirche von Rom, der Basilika Sankt Johannes im Lateran, geöffnet. Nach und nach folgen die anderen Papstbasiliken in Rom. Sukzessive sollen dann in allen Teilkirchen, in Bischofskirchen und in anderen Kirchen mit herausragender Bedeutung für die Dauer des Heiligen Jahres ebenfalls eine Pforte der Barmherzigkeit geöffnet werde.
Aus vatikanischen Kreisen informiert, wird Papst Franziskus selbst auch eine Pforte der Barmherzigkeit in einer Obdachlosenunterkunft der Caritas beim römischen Hauptbahnhof, der Stazione Termini, eröffnen. Ebenfalls ist geplant, dass der Papst auf seiner ersten Afrika – Reise Ende November eine Heilige Pforte der Barmherzigkeit in der Kathedrale der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik Bangui eröffnen möchte. Die Reise des Papstes steht momentan unter einem Sicherheitsvorbehalt, angesichts der Gewalt im Land. Am Ende des Jubiläums empfängt Papst Franziskus im Vatikan Häftlinge, die aus diesem Anlass das Gefängnis verlassen dürfen.

2. Pforten der Barmherzigkeit

Die Pforte als vergegenwärtigendes Symbol

Die menschliche Kommunikation bedarf nicht nur der Sprache, sie bedient sich auch der Gesten, Gebärden und Haltungen. Ebenfalls bedient sich die menschliche Kommunikation besonderer Symbole, die etwas zum Ausdruck bringen sollen, dass über das Symbol selbst hinausreicht.
Das deutsche Wort Symbol geht auf den lateinischen Begriff „Symbolum“ zurück und dieser wiederum auf das griechische Wort σύμβολον, das zu übersetzen ist mit Erkennungszeichen oder Merkmal. Das griechische Wort ist zusammengesetzt aus συμ (zusammen)und βάλλo (werfen), also zusammen – werfen.
Das Symbol verdichtet, wirft zusammen, mal eine Intention, eine Bedeutung, oder eine Aussage, und steht für diese als „Erkennungs – Zeichen“.
So steht die „Heilige Pforte“ für die (wechselnde) Intention eines Heiligen Jahres, in diesem heiligen Jahr nun für Barmherzigkeit.
Erstmals rief Papst Bonifatius VIII. im Jahre 1300 ein geordnetes heiliges Jahr aus, als Würdigung der 1300 Wiederkehr des Geburtsjahres unsres Herrn Jesus Christus.
Anfänglich wiederholten sich ein Heiliges Jahr alle 100 Jahre, ab 1475 verringerte sich dann der Abstand auf alle 25 Jahre. Daneben gab es auch immer wieder Heilige Jahre außerhalb der Reihe, die außerordentlichen Heiligen Jahre. Solch ein außerordentliches Heilige Jahr ist auch das kommende.
„Das kirchliche Jubeljahr knüpfte indirekt an das biblische Erlassjahr an: einen alle 50 Jahre gebotenen Schuldenerlass und Besitzausgleich für alle Israeliten (Lev 25,8-55). Die Bezeichnung ʽJubeljahrʼ oder ʽJobeljahrʼ stammt vom hebräischen Wort jobel (‏יובל‎), das ursprünglich ʽWidderʼ bedeutete. Aus Widderhörnern wurde das Blasinstrument Schofar gebaut, das zur Eröffnung eines Erlassjahrs geblasen werden sollte. Daher wurde der Ausdruck jobel auf das Instrument und das damit eröffnete Erlassjahr übertragen.“10

Wer im kommenden Heiligen Jahr also durch eine Heilige Pforte geht, dem will das Symbol des Tores vergegenwärtigt, das er als christlicher Pilger der Barmherzigkeit Gottes bedarf. In gleicher Weise erinnert die Pforte gleichzeitig daran, dass es ein „Markenzeichen“ christlichen Handels ist, Barmherzigkeit zu üben.

  • An dieser Stelle möchte ich einen vielleicht überraschenden Gedanken ankündigen, den ich im zweiten Teil meiner Ausführungen heute Mittag genauer besprechen werde.
    Könnte es nicht ein wichtiges Zeichen der gemeinsamen Zukunftsgestaltung Ihres gemeinsamen Lebens in diesem Kloster sein, auch hier eine Heilige Pforte zu eröffnen, ein Tor der Barmherzigkeit

3. Barmherzigkeit als Solidarität oder Identität? Eine Frage an Clara Fey!

Walter Kardinal Kasper11 bemerkt in seinem Buch zur Barmherzigkeit (deren spanische Übersetzung Kardinal Jorge Mario Bergoglio SJ während des Konklave zur Wahl des Nachfolgers des emeritierten Papst Benedikt XVI im Jahr 2013 -hierzu nur mündlich weitere Informationen- gelesen hat), im Kontext der jesuanischen Seligpreisungen (Mt 5,7): „Er hat sich mit den Armen nicht nur solidarisiert, er hat sich mit ihnen identifiziert.“12

Die Solidarität mit den Armen, insbesondere mit den armen Kindern hat Clara Fey als ihre Berufung entdeckt. Mit dieser Anmerkung von Kasper stellt sich für mich auch die Frage, um Mutter Clare weiter zu entdecken, in wieweit sie sich auch mit den armen Kindern ihrer Zeit identifizieren konnte, oder ob sie mit ihnen „nur“ solidarisch war. War die reale Armut der Kinder die Identität von Mutter Clara? Das ist für mich eine Frage, der es lohnt nachzugehen, da es mit deren Beantwortung auch um die Frage nach der Spiritualität Claras und der Gemeinschaft geht, sowie um die Motive zum Apostolat.

Dieser Nachgang kann eine Motivation sein, neu Reflextiert von Clara in Zukunft hinein zu sprechen. Eine Möglichkeit, eine Antwort auf diese Frage in der Biographie Claras und der der entstehenden Genossenschaft der Schwestern vom Armen Kinde Jesus zu finden, wäre die neue Analyse des Übergang von der „stundenweise“ Sorge um die armen Kinder, hin zum gemeinschaftlichen mit den armen Kindern als Schwesterngemeinschaft leben.

4. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Wer über die Barmherzigkeit nachdenkt, der kommt nicht ganz am Begriff der Gerechtigkeit vorbei, da ja die Barmherzigkeit weiter „greift“ als es die Gerechtigkeit kann, die Gerechtigkeit somit aber in keiner Weise relativiert wird.

„Die Gerechtigkeit ist der beständige und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen.“13 Doch was ist Gerechtigkeit? Was bedeutet es jedem das Seine zu geben (suum cuique)?
Walter Kardinal Kasper bemerkt zu der Frage in seiner Festrede zum Thema “Barmherzigkeit im Kirchenrecht“, die er am 29. Oktober 2015 im Krönungssaal des Aachener Rathaus vortragen ließ14, anlässlich des 75. Geburtstag von Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff:

„Schwierig wird es freilich, wenn es darum geht, konkret zu sagen, was das Seine ist, was das Meine und was das Deine, was ist das Unsrige und was das der anderen ist. Was ist gerechter Lohn, was gerechter Preis? Was ist ein nicht nur rechtsverbindliches sondern auch gerechtes Gesetz? Was ist soziale Gerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Gerechtigkeit zwischen armen und wohlhabenden Ländern? Gib es im Konfliktfall gar einen gerechten Krieg?“15

Nach weiteren Ausführungen kommt der Kardinal zu dem Schluss: „Nicht nur vollkommene Gerechtigkeit, sondern auch volle Übereinstimmung über das, was vollkommene Gerechtigkeit ist, lässt sich innerweltlich bestenfalls annäherungsweise erreichen und wird immer wieder neu umstritten sein.“16

Die Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit sieht Kasper in „einer kosmischen göttlichen Ordnung begründet, die uns Menschen vorgegeben und zugleich zur Verwirklichung aufgegeben ist.“17 Der Gerechte ist also der, der sich an die göttliche Weisung hält, also die Gebote Gottes gottesfürchtig beachtet. Da, wo die Gebote vom Menschen missachtet werden, er sich also von Gottes Weisung abwendet, da fällt er in Ungnade, es steht ein Graben zwischen Gott und dem Menschen. Wenn es nun in der langen religiösen Tradition des Menschen nur ein Mittel gibt, um den Graben zwischen Gott und dem Menschen zu überwinden, nämlich das Opfer des Menschen das Gott gefallen möge, dann, so der Kardinal, setzt mit der anderen Ansicht Gottes eine „prophetische Revolution ein, die das ganze altorientalische auch altisraelische Weltbild bis in seine letzten Fundamente erschüttert.“18 Diese andere Ansicht Gottes wird bereits sichtbar nach dem Bundesschluss zwischen Gott und Mose, bzw. nach dem Bundesbruch mit Gott, den das Volk begeht in dem es um das goldene Kalb tanzt: Gott zeigt sich nicht als der, der wütend dreinschlägt, sondern als ein „barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6). Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Barmherzigkeit Gottes, dessen Langmut, Huld und Treue sich nicht in der Vorstellungskraft des Menschen erschöpft, bzw. aufgeht im bisherigen Erleben der Menschheitsgeschichte das Handeln Gottes betreffend.

5. Barmherzigkeit und Kirche

Da die Kirche, die Ecclesia, die Sammlung des pilgernden Volkes Gottes ist (Lumen Gentium), kann sie nicht anders, als in dieser Welt zu leuchten, die Gemeinschaft wie der Einzelne, als ein sichtbares Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, der Welt erschienen im Licht für die Welt, Jesus von Nazareth, den wir als Christus bekennen.

Immer da, wo Kirche als Gemeinschaft oder auch einzelne ihrer Glieder Barmherzigkeit vermissen lassen, da verdunkeln sie das Licht ihrer Gemeinschaft, die Kirche. So schreibt Franziskus in seiner Ankündigung des Heiligen Jahres: „Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit. Ihr gesamtes pastorales Handeln sollte umgeben sein von der Zärtlichkeit, mit der sie sich an die Gläubigen wendet; ihre Verkündigung und ihr Zeugnis gegenüber der Welt können nicht ohne Barmherzigkeit geschehen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche führt über den Weg der barmherzigen und mitleidenden Liebe.“19

Papst Franziskus verbindet unsere Kirche existentiell mir der Barmherzigkeit. Mit der Barmherzigkeit geht allerdings auch die Vergebung einher. Damit relativiert er nicht den Sinn und Zweck von Geboten des Glaubens und Anforderungen der Kirche. Allerdings trägt die Präsenz der Anforderung von Barmherzigkeit dazu bei, das auch der Mensch der nicht 100% einer Anforderung in der Kirche entspricht, oder ein Mensch der gescheitert ist, nicht einzig aus der Perspektive dessen gesehen werden kann, nur einer zu sein, der eine Anforderung nicht erreicht hat, bzw. irgendwie gescheitert ist.

Barmherzigkeit misst den Menschen nicht an seinem Scheitern! Kardinal Kasper führt dazu in seiner Festansprach für unseren Bischof Heinrich aus:
„Die Barmherzigkeit hebt nichts auf, sie macht Gerechtigkeit, wo sie zerbrochen ist, neu möglich. Sie rechtfertigt nicht die Sünde, sondern den Sünder, so dass er neu gerecht handeln kann. Sie ist Gottes Option gegen den Tod und die Mächte des Todes und für das Leben. Denn Gott will nicht den Tod des Sünders, den er verdient, er will dass er lebt (Ez 33,11). Gott ist ein Freund des Lebens (Weish 11,26).“20

  • Die intellektuelle Hinwendung zur Bedeutung der Barmherzigkeit und die Auseinandersetzung mit ihr ist ein Zugang zur Barmherzigkeit.
    Ein mindestens ebenso wichtiger Zugang ist die eigene biographische Reflexion anhand der Frage: Wo habe ich in meinem Leben Barmherzigkeit Gottes, aber auch Barmherzigkeit durch Menschen, wie Mitschwestern und Mitbrüdern erfahren?

2. Impuls : Des Menschen herzliche Erkenntnis

Gott ist barmherzig, so der Tenor des Kardinals in seiner Festansprache, in der er weiter ausführt: „Er (Gott) hat ein Herz für den Menschen, der in Not ist. Misericordia, ein Herz (cor) haben für die miseri, die im Elend Lebenden. So offenbart er sich bereits am brennenden Dornbusch. Er sieht das Elend und hört das Klagegeschrei (Ex 3,7). Die Barmherzigkeit ist jedoch mehr als Mitleid; sie ist aktiver Widerstand gegen das Böse. Er führt sein Volk heraus aus dem Sklavenhaus Ägypten. Er setzt nicht auf einen gerechten Ausgleich, nicht auf die Restitution der alten Ordnung wie in der altorientalischen Vorstellung. Er schafft eine neue Ordnung; er schenkt einen neuen Anfang.“21

6. Barmherzigkeit – zwei Töne auf einer Tonleiter

Die Linie der Barmherzigkeit zieht der Heilige Vater weiter mit Blick auf den Menschen, der in der Barmherzigkeit Gottes existieren. „Dieses Geheimnis der Barmherzigkeit gilt es stets neu zu betrachten. Es ist Quelle der Freude, der Gelassenheit und des Friedens. Es ist Bedingung unseres Heils.  Barmherzigkeit, in diesem Wort offenbart sich das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Barmherzigkeit ist der letzte und endgültige Akt, mit dem Gott uns entgegentritt. Barmherzigkeit ist das grundlegende Gesetz, das im Herzen eines jeden Menschen ruht und den Blick bestimmt, wenn er aufrichtig auf den Bruder und die Schwester schaut, die ihm auf dem Weg des Lebens begegnen. Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Mensch vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir, trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld, für immer geliebt sind.“22

7. Klärung korrespondierender Begriffe

Um sich der Bedeutung des Wortes Barmherzig konkret anzunähern ist es auch hilfreich, sich kurz einige korrespondierende Begriffe anzuschauen. Sie machen ergänzend deutlich, was Barmherzigkeit primär nicht unbedingt ist.

  • Demut (D), eine Definition
    Verhaltensweise des Menschen, der im Bewusstsein seines radikalen Abstandes von Gott, dem vollkommenen Sein, die  Selbstentäußerung Gottes in seinem Sohn (Phil 2,2 – 8) u. die darin geoffenbarte Umkehrung (Erhebung) des kleinen und schwachen dieser Welt zum Großen im Königtum Gottes (Mt 18,4 mit Parallelen) dankbar und mutig entgegen genommen hat.
    Diese de–mütige Selbstannahme drückt sich vor allem in Akzeptierung  (Vergebung, Ertragung)  der Schwäche des Mitmenschen, Dienstbereitschaft diesem u. Gott gegenüber aus.23
  • Gnade (G), eine Definition
    „(althochdeutsch ganada = Wohlwollen, Gunst, griech. chariss, lat. Gratia) ist in der Theologie die sich herabneigende personale, absolut ungeschuldete Huld Gottes gegenüber dem Menschen; G. bezeichnet aber auch die Wirkung dieser Huld, in der Gott sich selbst dem Menschen mitteilt.“24
  • Gerechtigkeit (G), eine Definition
    „Gerechtigkeit ist ʽdie Haltung, kraft deren einer standhaften u. beständigen Willens einem jeden sein Recht zuerkenntʼ (Thomas v. Aquin), nach der klassischen Lehre von den Tugenden die zweite Kardinal Tugend (…).
    Ist die G. auch dem Rang nach die höchste sittliche Tugend, so ist sie in ihrer christlichen Verwirklichung doch untrennbar von der Liebe, da vom Christen mehr verlangt ist als Unparteilichkeit, die jedem das gleiche Recht zuerkennt, oder als die Respektierung unabdingbarer Sachrechte.
    Der Christ kann da er nicht akzeptieren, daß der ökonomische Bereich nur von eigenen Gesetzen beherrscht wird (Schuldner in der Liebe bleibt man immer: Röm 13,8).
    Der biblische Gerechtigkeitsbegriff ist vom Gesetz her bestimmt; es wird im AT und im NT unbefangen angenommen, dass es Gerechte gibt, die in Gottesfurcht u. Nächstenliebe den heiligen Willen Gottes erfüllen (…).“25
  • Barmherzigkeit / Erbarmen (B), eine Definition
    „(…) Die Barmherzigkeit Gottes spricht das AT vor allem mit den bezeichnenden Verben “ mütterlich  sein“ u. “sich herabneigen“ aus. (…) Für die christliche Theologie geht die B. Gottes zwar schon aus seiner Unendlichkeit in jeder Vollkommenheit (DS 3001; NR 315) hervor, sie ist aber von dem, der sachlich das Gericht verdient hat, nicht zu berechnen u. einzukalkulieren, sondern nur als heilsgeschichtliche Erfahrung dankbar entgegenzunehmen. Sie hebt die Gerechtigkeit Gottes nicht auf, weil sie selbst den Sünder gerecht vor Gott macht, so das Gottes in einen seiner B. u. Gerechtigkeit gerecht wird.“26

Verdichtung  korrespondierender Begriffe:

→ Was meint Demut?
Demut ist die aus der Erkenntnis gewonnene Verneigung vor dem absolut Anderen, dem Schöpfergott, auf der heraus auch die Demut vor dem resultiert, was der Schöpfer Geschaffen hat, besonders dem Menschen, aber auch der Natur.
Demut in der Geste: Verneigung.

→ Was meint Gnade?
Gnade ist eine ist eine nicht zu berechnende Zuwendung Gotte, ein freier Akt, der dem Menschen etwas zugesteht auf das er aus sich selbst heraus keinerlei Anspruch hat.
Gnade in der Geste: gereichte Hand.

→ Was meint Gerechtigkeit?
Gerechtigkeit ist die kontinuierliche Haltung, einem jeden Menschen Recht zuzuerkennen, auf der Basis eines gleichen und unparteilichen Rechtsverständnisses.
Gerechtigkeit in der Geste: Zeigefinger    

→ Was meint Liebe?
Liebe ist ein Wort, das lebendig eingeholt werden muss in der uneingeschränkten Annahme eines Menschen, so wie er (von Gott) gegeben ist, von einem Gegenüber, das wehrlos und dies gewollt als Selbststand in dieser Annahme aufgeht
Liebe in der Geste: geöffneten Arme

8. Das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger

„Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!
Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast.
Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt. 27 
(Mt 18, 23-35)

9. Annäherung an das Gleichnis

Ein Blick auf den Beginn dieser Begebenheit bei Matthäus: Der Verschuldete bat um Aufschub, als der Darlehensgeber sein Recht auf Rückzahlung einforderte. Allerdings gewährte er den erbetenen Aufschub des Darlehensnehmers nicht. Der  Darlehensgeber besann sich nämlich eines anderen und schenkte dem Schuldner das, was er ihm schuldig war.
Woher kommt dieser Sinneswandel?

Spekulationen: War es Berechnung so nach dem Motto ich könnte auch mal in eine solche Situation kommen. War es Angst vor höheren Mächten, die ihn, den Reichen, der Gier bezichtigen könnten, da er doch mehr besaß als er zum Leben brauchte? Hatte er ein schlechtes Gewissen wegen der Folgen für die Familie des Schuldners? War er vielleicht unter Druck, weil eine gewisse Öffentlichkeit auf ihn schaute?

10. Andeutungen

Schauen wir etwas genauer auf die Verse 26 und 27, wie sie vom Original her ins Deutsche übersetzt werden:

26 (Nieder) gefallen nun der Knecht bat unterwürfig ihn, sagend: Sei großmütig mit mir, und alles werde ich zurückzahlen dir.
27 Sich erbarmt habend aber der Herr jenes Knechtes, gab los ihn, und das Darlehen erließ er ihm.28

Hier ist ein kleiner Zusatz (fett) im 27. Vers, der in der Einheitsübersetzung etwas verloren gegangen ist: „(…) erbarmt habend (….) gab los ihn (…) erließ (…) ihm.“

Hier sind drei „innere Schritte“ der Barmherzigkeit zu erkennen:

  1. Erbarmen haben: Ihn mit dem Herzen sehen, die Hilflosigkeit, Perspektivlosigkeit, das nicht mehr können…
  2. Gab los ihn: befreite ihn wieder zu sich selbst, gab ihm den Selbststand zurück. Gab ihn in seinem eigenen Innern frei, ließ ihn los. Nahm Abstand von seiner Haltung des Überlegeneren, des im Recht Seienden. Verzichtete auf Besserwissen, kluge Belehrung und Untertöne.
  3. Erließ ihm: Dann erst schenkt er dem Schuldner die materielle Schuld.

11. „Gab los ihn“ aktuell

Diese inneren drei Schritte ermöglichen Barmherzigkeit aus der Perspektive des Menschen auf Menschen hin.
Aber auch einzeln sind diese Schritte wie der erste und der zweite sind von Bedeutung, z.B. wenn es nicht darum geht materielle Schulden zu erlassen, sondern Bürden.
Bürden, die auf anderen  Menschen lasten, entweder weil sie die sich selbst auf die Schulter gelegt haben, oder weil sie die von anderen Menschen auf die Schultern gelegt bekommen haben.

Unter Bürden die Menschen tragen (müssen) verstehe ich: Bisherige (fremd) Annahmen, gemachte Erfahrungen, erfahrenes Unrecht, Kränkungen, oder Fehleinschätzungen. Subjektiv empfundene Vernachlässigung, Benachteiligung, oder Bevormundung.

Bürden sind nicht nur all das, was das Leben schwer sein lässt sondern auch das, was an einen ehrlichen und offenen Umgang auf Augenhöhe mit anderen Menschen hindert. So gemeint auch in Gemeinschaften von Menschen unterschiedlichster Art.

Besonders diese zwei Schritte zu wagen, auch als Gemeinschaft, wenn alles Vertraut ist aber auch dann, wenn Veränderungen anstehen (müssen), ist eine Herausforderung.

Konkret:

  1. Erbarmen haben:  Die Mitschwester mit dem Herzen sehen, die Hilflosigkeit, Perspektivlosigkeit, das nicht mehr, oder auch nicht mehr anders können. Auch das Selbstverschuldete mit dem Herzen sehen, die Enge, die Angst, die Zerbrechlichkeit, die Unsicherheit, eben alles was wir an Bürden beim anderen sehen und erleben.
  2. Gab los ihn“: Befreite ihn zu sich selbst wieder. Absehen von den Bürden des anderen, auf die man bisher immer wieder gestarrt hat. Das Gegenüber in seinem eigenen Innern frei geben, ihn loslassen aus meinen bisherigen Vorstellungen (vielleicht auch unerfüllten Wünschen. Abstand nehmen von der eignen Haltung des Überlegeneren, des im Recht Seienden. Verzichteten auf Besserwisserei, kluge Belehrung, Vorverurteilungen und Untertöne.

12. Gedankensplitter zum weiterdenken:

  • Ein Herz für die haben, die mit oder vor dem eigenen Herzen gescheitert sind.
  • Ein Herz habe bedeutet das Leben des Anderen anzukurbeln, damit dessen Herz besser pulsiert.
  • Ist Barmherzigkeit in einer Schwesterngemeinschaft normal oder was besonderes?
  • Nicht nur Einzelpersonen bedürfen der Barmherzigkeit, sondern auch Gruppen und Gemeinschaften (Orden).
  • Barmherzigkeit ist keine Missionierungsstrategie, auch nicht das weichklopfen andere für die eigenen Vorstellungen.
  • Barmherzigkeit bedeutet, den andren Menschen eben nicht in eine Schublade stecken.
  • Barmherzigkeit sich selbst gegenüber kann bedeuten, sich selbst zurück zu nehmen, von sich selbst auch mal absehen zu können.

13. Pforte der Barmherzigkeit im Kloster Michaelsbergstrasse

Offiziell sind Heilige Pforten in Klöstern nicht (unbedingt) vorgesehen.
Aber wenn sie verstanden werden wie ein Symbol, als Wiedererkennungszeichen, dann täte es doch einem alltäglichen Ablauf in einem Kloster auch mal gut durch eine „Pforte“ zu schreiten, die an Barmherzigkeit erinnert, und das auch noch im Kontext der ganzen Kirche. Das braucht ja keine eigene Türe zu sein. Das kann doch auch eine Türe des Alltags sein, die ein wenig geschmückt ist, durch die ganz viele Schwestern gehen, und die so erinnert an eine Grundoption christlicher Gemeinschaft. Barmherzigkeit als Herausforderung, über die man täglich in einer eigenen kleinen Heiligen Pforte auch mal „stolpern“ kann.

14. Die Ironie Gottes

“Etwas über die Kirche heute zu sagen ist einerseits beglückend und andererseits schwer. Schwer deswegen, weil die Kirche nicht nur von den anderen draußen, sondern auch von uns selbst immer wieder so schwer zu verstehen ist.
Ich erinnere mich gut an eine Erfahrung, die mir das besonders deutlich machte. Es war während einer Session des II. Vatikanischen Konzils, als mein Bischof die katholischen Geistlichen unserer Stadt zu einem gemeinsamen Gottesdienst mit ihm in den Dom einlud. Wir mussten mit Chorrock feierlich und würdig im Altarraum Platz nehmen, und unsere Blicke trafen sich, denn die Bänke stehen gegeneinander (Ergänzung durch die Redaktion: Die Gottesdienstteilnehmer schauten sich in die Augen.). Normalerweise ist man ja davor verschont, einander sehen zu müssen, aber hier waren wir einmal einander konfrontiert.
Ich muss gestehen, als ich diese sehr unterschiedlichen Leute sah, da überkam mich ein leises Grauen, und ich sagte zu mir: ʼUm Himmels willen, aus dieser Portion Menschheit, diesem sonderbar zusammengewürfelten Gefüge, soll Gott etwas fertig bringen können?
Wenn ich da an irgendjemand denke, der auf der Straße draußen läuft und dem es nicht einfällt, in solch einem Gottesdienst zu kommen, dann habe ich es leichter, mich mit dem zu verstehen, als hier mit diesen sonderbaren Confratres neben mir. Wie sollen wir unter einen Hut kommen, wie sollen wir die Stelle des Wirkens Gottes in der Welt sein?ʽ
Gerade bei dieser Schwierigkeit überfiel mich zugleich ein anderes: Genau das ist es, was Gott mit seiner Kirche zeigen will. Genau das ist es, daß er aus Menschen, die so unterschiedlich, die ʽJuden und Griechenʽ sind – um es in der Sprache des Neuen Testamentes zu sagen -, etwas machen kann.

Nicht weil wir prima, nicht weil wir die besten Menschen sind, nicht weil man sich auf uns verlassen kann, sondern allein aus dem einen Grund: weil Gott gnädig, weil er barmherzig ist. Weil er der Menschheit zeigen will,  daß er aus solchen  ʼFigurenʽ  etwas machen kann, daß sie die Zeugen seiner Gnade, seines Erbarmen, seines Daseins mitten in der Welt sein dürfen.

Und wie ich jetzt zu diesen Menschen Ja sage, daran bewährt es sich, wie echt, wie ehrlich, wie radikal ich ja gesagt habe zu Gott, zu seiner Tat in Jesus Christus, zu dem, was sein Wirken, was Kirche ist – nicht nur als ein äußerer Verband, sondern als sein Wirken für die Menschheit und in der Menschheit.
Wenn man mich fragen würde, was ich am meisten in der Welt liebe, was mir das Kostbarste in der Welt ist, könnte ich wirklich nichts anderes sagen als: die Kirche! Allerdings, wenn man mich fragen würde, was das vergänglich in der Welt ist was am meisten anders werden muß, müßte ich wiederum sagen: die Kirche!29

→ Liebe Schwestern.
Tauschen Sie doch ganz einfach nur zwei Worte aus, Kirche  gegen Ordensgemeinschaft und Confratres gegen  Mitschwester. So entsteht eine ganz aktuelle Begebenheit in Ihren „heiligen Hallen“.

15. Und weiter geht es

Schlissen möchte ich mit den Worten, mit denen Papst Franziskus auch seine Schrift zur Ankündigung des Heiligen Jahres beendet hat:
„In diesem Jubiläumsjahr finde in der Kirche das Wort Gottes Echo, das stark und überzeugend erklingt als ein Wort und eine Geste der Vergebung, der Unterstützung, der Hilfe und der Liebe. Die Kirche werde nie müde, Barmherzigkeit anzubieten, und sie sei stets geduldig im Trösten und Vergeben. Sie mache sich zur Stimme eines jeden Mannes und einer jeden Frau und wiederhole voll Vertrauen und ohne Unterlass: » Denk an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld; denn sie bestehen seit Ewigkeit « (Ps 25,6).“30

  1. http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2015/2015-04-11_Verkuendigungsbulle-Heiliges-Jahr.pdf. S.1
  2. Ansprache zur Eröffnung des II. Vatikanischen Ökumenischen Konzils Gaudet Mater Ecclesia, 11. Oktober 1962, 2-3.
  3. Ansprache bei der letzten öffentlichen Sitzung des II. Vatikanischen Ökumenischen Konzils, 7. Dezember 1965.
  4. http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2015/2015-04-11_Verkuendigungsbulle-Heiliges-Jahr.pdf. S1
  5. Papst Franziskus ernannte Kardinal Piacenza zum Großpönitentiar. Unter Papst Benedikt XVI. bekleidete er das Amt des Präfekten der Kleruskongregation
  6. http://www.katholisches.info/2015/10/28/barmherzigkeit-ist-weder-blinde-toleranz-noch-rechtfertigung-der-suende-noch-ein-recht-kardinal-piacenza-zum-jahr-der-barmherzigkeit/ (15.11.2015)
  7. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, q. 30, a. 4.
  8. Tagesgebet vom 26. Sonntag im Jahreskreis. Dieses Gebet ist bereits im 8. Jahrhundert in den euchologischen Texten des Sacramentarium Gelasianum belegt.
  9. http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2015/2015-04-11_Verkuendigungsbulle-Heiliges-Jahr.pdf (15.11.2015) S.6
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Jubeljahr (20.11.2015)
  11. Walter Kardinal Kasper, geb. 1933, 1964-1989 Professor für Dogmatik in Münster und Tübingen,1989-1999 Bischof der Diözese Rottenburg – Stuttgart; 1999 nach Rom berufen, 2001 Kardinal; bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen als erstem überreicht im Jahre 2006.
  12. Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit / Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens, Herder, 2012, S. 148
  13. Ulpian, Corpus Iuris Civilis  (Gesetzeswerk  aus der Zeit von 528 bis 534 n. Chr.)
  14. Aus gesundheitlichen Gründen konnte der Kardinal am Festakt nicht teilnehmen. Er ließ seine Rede vortragen von Prälat Dr. Klaus Krämer, u.a. Präsident von Misso Aachen.
  15. iba – Pressedienst, Informationen Bistum Aachen, Donnerstag, 29. Oktober 2015, S. 1
  16. a. a. O. S. 3
  17. a. a. O. S. 3
  18. a. a. O. S. 4
  19. http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2015/2015-04-11_Verkuendigungsbulle-Heiliges-Jahr.pdf.
  20. iba – Pressedienst, Informationen Bistum Aachen, Donnerstag, 29. Oktober 2015, S. 6f
  21. iba – Pressedienst, Informationen Bistum Aachen, Donnerstag, 29. Oktober 2015, S. 5
  22. https://w2.vatican.va/content/francesco/de/bulls/documents/papa francesco_bolla_20150411_misericordiae-vultus.html
  23. Karl Rahner, Herbert Vorgrimler, Kleines Theologisches Wörterbuch, Herder Verlag, 1980, S.79
  24. a. a. O. S. 156
  25. a. a. O. S. 141
  26. a. a. O. S.49f
  27. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.
  28. Das Neue Testament, Interlineare Übersetzung Griechisch Deutsch, Hänssler Verlag, 1986. S. 80
  29. Klaus Hemmerle, Ausgewählte Schriften Band 5, Gemeinschaft als Bild Gottes, Beiträge zur Ekklesiologie, Herder, 1996, S. 18
  30. https://w2.vatican.va/content/francesco/de/bulls/documents/papa francesco_bolla_20150411_misericordiae-vultus.html
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Der Sinn des endzeitlichen Redens Jesu

Die im Evangelium dieses Sonntags von Jesus angekündigten Zeichen des „greifbaren“ endzeitlichen Geschehens sind bereits eingetreten. Die Realität belegt das. Unter Jesu Namen sind schon ganze Heilsarmeen aufgetreten. Noch immer erheben sich Völker gegeneinander. Erdbeben zerstörten kürzlich ganze Städte in Mittelitalien. Hungersnöte sind so alt wie die Menschheit selbst. Die mächtigen Zeichen am Himmel sind eine Frage der Interpretation. Für den Glauben an Christus verfolgt zu werden, ist aktuell auch eine traurige Realität, wenn von den Medien auch nur marginal wahrgenommen. Christsein spaltet Familien konkret in kommunistischen Regimen, und als Christ gehasst zu werden ist in einer Pluralität der Religionen auch keine Seltenheit.

Eine fantastische Annahme: Wenn unser Planet schon im All verpufft wäre, befänden sich vielleicht einige von uns im Reich Gottes oder aber eventuell auch niemand, da es den Himmel ja vielleicht doch nicht gibt. Das würde allerdings keiner merken, weil wir dann ja einfach nur tot wären und eine nicht vorhandene Nachwelt auch nicht wissen könnte, dass unser christlicher Auferstehungsglaube schlicht eine Täuschung gewesen ist. Aber wir existieren ja noch, und alles ist noch offen! Lassen uns unsere Realitäten um uns herum annehmen, dass die von Jesus  angekündigten Zeichen der „Endzeit“ doch nicht so bedrohlich sind, oder kommt es vielleicht doch noch dicker? Oder sind diese Ankündigungen nur ein rhetorisches Mittel gewesen, um die Aufmerksamkeit der Jünger zu steigern?

Was mögen die Zeitzeugen Jesu, die vor rund 2000 Jahren gelebt haben, bei solchen Androhungen empfunden haben? Ich glaube: Angst! Und auch ich heute empfinde diese Worte keineswegs als kuschelig. Aber wäre dann das Evangelium nicht eine Drohbotschaft? Die Kernaussage Jesu, die hinter diesen krassen Worten aufscheint, ist aber keine Drohung. Sie lautet: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“ (Lk 21,18). Anders formuliert klingt diese frohe Botschaft so: Vertraut auf Gott auch angesichts der aktuellen Katastrophen, von denen jede einzelne eine gewisse Endzeitlichkeit in sich birgt. Vertraue mit Haut und Haaren, denn Christus erwartet ein grenzenloses Vertrauen.

Keine Verharmlosung

Mit dieser Aufforderung verharmlost Jesus aber weder die Realitäten, noch macht er Gott zu einem kuscheligen „Rieseneichhörnchen“ – im Gegenteil: Gott ist der Einzige, vor dem wir uns neigen müssen, um in der Verneigung seine nicht zu begreifende Macht zu ehren und unser Miteinander als Menschen so zu justieren, das Gott erkennbar der in allem Mächtige bleibt.

Erschienen in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 12./13. November 2016
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Schuldentilgung, eine Provokation

Sind sie Schuldner? Also schulden Sie einer Institution oder Person Geld? Zu befürchten ist, dass viele, meist auch jüngere Christen, Schulden haben, vielleicht hoch verschuldet und sogar überschuldet sind. Allerdings ist ein überwiegender Teil der Leserschaft kirchlicher Printmedien eher älteren Datums, so dass man annehmen könnte, diese Jahrgänge haben ihre Schulden, wie Sie vielleicht selbst auch, schon abbezahlt. Trotzdem oder gerade deswegen lesen Sie weiter. Was ist eigentlich ein Schuldner? Einer, der seine Träume von anderen finanzieren lassen muss oder will und dafür teuer bezahlt. Anders formuliert: einer, der im Vergleich mit anderen meint, nicht Stand halten zu können und (irrig) annimmt, sich durch „Haben“ aufwerten zu können. Ganz nebenbei: Bis zur Schmerzgrenze Schulden machen zu sollen ist ein Grundpfeiler der kapitalistischen Marktwirtschaft.

„Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Lk16,13b) – diese Aussage Jesu, mit der uns das Sonntagsevangelium konfrontiert, dürfen wir auch in diesem Kontext nicht übergehen, sondern sollten sie für bare Münze nehmen. Der Begriff Mammon, aus der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, hergeleitet aus „mam[m] ona“, wurde im 16. Jahrhundert zur  Personifikation des Reichtums, der den Menschen Geiz und Habgier schmackhaft macht. Den fetten Bauch verdankt diese Personifikation ihrem Lieblingsgewerbe, Schulden mit Zins und Zinseszins einzutreiben, koste es, was es wolle.

Aber was wäre der christliche Gegenentwurf, dem Mammon nicht zu dienen? Unser Denken als jene, die sich auf Christus berufen, darf verrückt sein, und so Überkommenes „ver-rücken“. Also denken wir quer: Haben Sie etwas zu vererben? Vielleicht freut sich ihre Familie nach ihrem Ableben ja über einen kleinen oder größeren  Geldschauer.

Auch ich selber stehe vor der Frage, wem ich das Meine vererbe. Für einen Geldschauer reicht es zwar nicht, eher für ein Tröpfeln, da ich keine familiären Bindungen habe. Aber auch wenn ich diese hätte, wäre folgendes „Verrücktes“ denkbar: Sie vererben nicht, sondern Sie verleihen zu Lebzeiten an jene Menschen, die Ihnen am Herzen liegen. Sie lassen Schulden zu, Schulden, die diese Menschen bei Ihnen machen, allerdings zu anderen Konditionen. Das Geld, das Sie nicht selbst zum Leben und rentenorientiert nicht zum Überleben brauchen, verleihen Sie zu der Kondition, dass dem „Schuldner“ jeden Monat fünf Prozent der Schulden erlassen werden, bis er alle Schuld bei Ihnen abgebüßt hat ist und Ihr Guthabenzins inklusive Guthaben bei null liegt. Moderates Vererben zu Lebzeiten ist das, in kleinen und gesetzlich möglichen Portionen. Zugegeben: Es ist quer gedacht, vielleicht halten Sie mich für einen Spinner. Aber sei‘s drum.

Erschienen in: Katholische SonntagsZeitung für Deutschland, 17./18. September 2016
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